„Eine neue Dimension“ Nachgefragt bei Martin Kurzka

Der Marketingmann Martin Kurzka ist von den Stuttgarter Kickers zum SC Freiburg gewechselt.

Herr Kurzka, am Samstag hatten Sie Ihre Premiere beim SC Freiburg, die sich mit dem 2:2 in Wolfsburg sehen lassen konnte. Wie war Ihr Eindruck?

Das war nichts für schwache Nerven, wenn man bedenkt, dass in der Schlussphase 24:5-Torschüsse für Wolfsburg auf der Anzeigetafel eingeblendet worden sind. Aber persönlich war das natürlich ein guter Einstand.

Ein Wechsel von den Stuttgarter Kickers zum SC Freiburg: da denken viele, der Trainer Robin Dutt hat die Fäden geknüpft. Stimmt das denn?

Nein. Bei den ersten Gesprächen mit der Firma Infront, die von der nächsten Saison an offiziell für fünf Jahre als Partner einsteigt, habe ich gar nicht gewusst, um welchen Verein es sich handelt. Das habe ich erst erfahren, als die Verträge auf einem guten Weg waren – und das hatte mit den anderen Kanälen nichts zu tun.

Wie sieht Ihr Aufgabengebiet bei der Agentur Infront denn aus?

Also zunächst einmal muss man betonen, dass der SC die Marketing- und Fernsehrechte behält, also Herr im eigenen Hause bleibt. Dass passt ja auch sehr gut zum Verein. Der Geist der Zusammenarbeit liegt darin, die gute Arbeit der vergangenen Jahre und das Image des Sportclubs durch die Kontakte von Infront sinnvoll zu ergänzen, was die Sponsorensuche angeht.

Von der vierten in die erste Liga ist ein großer Sprung, ist das Belastung oder Motivation?

Definitiv Motivation, genau wie bei einem Fußballer. Die Thematik bleibt ja auch die gleiche, aber die Dimension ist natürlich eine ganz andere. Ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst, denn es ist für beide Seiten ein sehr wichtiges Projekt. Aber wenn man mit Fleiß und Engagement an die Sache geht, bin ich überzeugt, dass es ein Erfolg wird – zumal ich hier sehr offen und warmherzig aufgenommen wurde.

Mit welchen Gefühlen sind Sie denn von den Kickers weggegangen?

Unabhängig von der geschäftlichen Beziehung im Marketing war ich ja auch sieben Jahre lang ehrenamtlich Abteilungsleiter der zweiten Mannschaft – und hatte dort einen tollen Abschied. Es gibt für mich keinen Grund, warum man sich nicht auch künftig in die Augen schauen kann.

Wann gibt es das erste Wiedersehen?

Am 20. Dezember beim Gastspiel des SC Freiburg II in Degerloch.

Und für wen schlägt dann Ihr Herz?

Schwere Frage. Aber es ist klar, dass man zehn Jahre im Umfeld der Kickers nicht von heute auf morgen vergessen kann.

Das Gespräch führte Joachim Klumpp.

Stuttgarter Zeitung

StZ: Geldgeber in Sicht

Eigentlich hatten sich die Stuttgarter Kickers beim Regionalligagastspiel am Sonntag (14 Uhr) in der Nürnberger WM-Arena dank ihrer treuen Fans auf eine Heimspielatmosphäre eingestellt beim 1. FC Nürnberg II. Doch daraus wird nichts: Die Gastgeber, die sonst vor ein paar Hundert Zuschauern spielen, haben dank einer Sonderaktion 3500 Karten verkauft – Saisonrekord, passend zur Tabellenführung.

Davon sind die Kickers zwar einige Punkte entfernt, dennoch deutet sich unabhängig von der sportlichen Entwicklung bis zur Winterpause hinter den Kulissen ein Erfolg an. Was den Kautionsfonds beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) mit rund 200 000 Euro betrifft, „zeichnet sich eine Lösung ab“, sagt Edgar Kurz. Und wer die abwägenden Worte des Präsidenten kennt, der weiß, dass die Vertragsgespräche kurz vor dem Abschluss stehen dürften.

„Ich hätte das gerne schon auf der Hauptversammlung verkündet“, sagt Kurz, doch der bisher ungenannte Investor wollte wohl sicher sein, dass die handelnden Personen im Amt bleiben. Kurz: „Ich hoffe, dass es bis zu unserer Weihnachtsfeier perfekt ist.“ Es wäre das schönste Geschenk für den Verein – und gleichzeitig ein Zeichen an den DFB, dass die Kickers ihre Hausaufgaben machen. ump

Stuttgarter Zeitung

StZ: Interview Der Kickers-Präsident: „Frischer Wind nützt uns allen“

Edgar Kurz spricht über mögliche neue Marketingmaßnahmen.

Die Stuttgarter Kickers stecken in einer ereignisreichen Woche. Am Dienstag fand die Mitgliederversammlung statt, morgen (14 Uhr) kommt der Spitzenreiter der Fußball-Regionalliga, der VfR Aalen, ins Gazi-Stadion. Der wiedergewählte Kickers-Präsident Edgar Kurz kann sich über Arbeit also nicht beklagen, die aber macht ihm zunehmend Spaß.

Herr Kurz, morgen empfangen die Stuttgarter Kickers den Mitabsteiger und Tabellenführer VfR Aalen. Wird man da nicht manchmal neidisch, wenn man sieht, dass beim Gegner Geld offenbar keine Rolle spielt?

Also Neid war bei mir noch nie in irgendeiner Form existent. Ich habe mich immer an den vorhandenen Möglichkeiten orientiert. Und unter den Rahmenbedingungen, die wir bei den Kickers haben, dürfen wir nicht neidisch sein, sondern müssen mit einer gewissen Gelassenheit an solche Spiele rangehen, die unsere junge, erfolgshungrige Mannschaft braucht, um sich weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite wäre es natürlich zu begrüßen, wenn auch wir Sponsoren hätten, die uns in die Lage versetzen, die zum Aufstieg notwendige Qualität zu erreichen.

Was wird denn schwieriger: die angestrebte sportliche oder die wirtschaftliche Konsolidierung?

Unser Ziel ist, dass wir uns dieses Jahr konsolidieren und sportlich stabilisieren und vor allem die Spieler, die wichtig sind, vertraglich binden können, was in vielen Fällen erfreulicherweise bereits gelungen ist. Der zweite Schritt kann nur sein, sich in der nächsten Saison weiter nach vorne zu orientieren, also das Sprungbrett zu schaffen, um im dritten Jahr wirklich nach oben zu wollen. Da haben wir verschiedene Dinge am Laufen, mit Leuten, die bereit sind, bei den Kickers ein Engagement einzugehen. Das ist noch nicht spruchreif, aber ich denke, dass wir die sportliche Seite dann leichter bewältigen können. Die finanzielle Seite drückt permanent. Ich habe bei der Hauptversammlung ja auch gesagt, ich bin froh, dass wir uns nicht beim Insolvenzverwalter treffen. Denn dieses Szenario ist bei den Kickers für die Zukunft nie gänzlich ausgeschlossen.

Unter Ihrem Vorgänger Dirk Eichelbaum war immer gerne von einem Investor die Rede. Davon hört man jetzt wenig.

Das will aber nichts heißen. Wir melden immer gerne erst den Vollzug.

Das Thema ist also nicht vom Tisch.

Nein, das gehört zu diesem in Angriff genommenen Engagement. Gut Ding will eben Weile haben.

Es macht den Anschein, als ob Ihnen die Arbeit, die zunächst mehr als Übergangslösung gedacht war, zunehmend Spaß macht. Oder täuscht der Eindruck?

Nein, der täuscht nicht. Was mich so stark beeinflusst, ist das Vertrauen, das uns entgegengebracht wird. Und das möchten wir rechtfertigen und zurückgeben. Die Aufgabe macht im Grunde deshalb Spaß, weil sie von vielen Kickers-Anhängern mitgetragen wird. Da hat man dann irgendwo die moralische Pflicht, dem nachzukommen, auch wenn ich mich eigentlich nicht für den idealen Präsidenten halte.

Warum denn das?

Weil ich der Meinung bin, dass der ideale Präsident mehr vor Ort sein müsste, um sich um Details zu kümmern. Ich bin kaum bei Auswärts- oder Jugendspielen, das schaffe ich zeitlich nicht. Und ich brauche einen Geschäftsführer wie Jens Zimmermann, der mir den Rücken freihält und viele Arbeiten abnimmt. Ich habe gesagt: Wenn man mich trotzdem will, in Ordnung, dann stelle ich mich dieser Aufgabe.

Immerhin hat das Präsidium jetzt Verstärkung durch Axel Kolberg von der Agentur Wire bekommen, für den Bereich Marketing. Was versprechen sich die Kickers davon?

Er ist jung, dynamisch, sogar ein bisschen unkonventionell, er hat pfiffige Ideen, kommt aus der Werbebranche, ist bereit zu kämpfen. Kurzum: frischer Wind nützt allen und querdenken kann kreativ sein. Es wird spannend. Herr Kolberg kann sich zum Beispiel vorstellen, eine Hauptversammlung nicht im SSB-Waldaupark, den er als Kathedrale bezeichnet, abzuhalten, sondern in der Diskothek Boa.

Trotzdem fehlt immer noch der gewünschte Sportfachmann im Präsidium.

Auch da werden die Gespräche fortgesetzt. Es handelt sich um einen jüngeren Sportler mit Kickers-Vergangenheit. Eine Entscheidung könnte in den nächsten beiden Wochen fallen.

Mit dem Trainer Dirk Schuster, den Sie maßgeblich mitinstalliert haben, hatten die Kickers jedenfalls ein glückliches Händchen. Besteht da nicht die Gefahr, dass er mal begehrter ist als vielleicht ein Spieler?

Sie haben vollkommen recht. Dirk Schuster ist für uns ein Glücksfall, wir aber auch für ihn. Er hat mit der immer noch sehr geschätzten Marke Stuttgarter Kickers die ihm von uns gebotene Chance, ins Rampenlicht zu kommen, erkannt und liefert eine seriöse und ehrliche Arbeit ab. Sollten irgendwann Begehrlichkeiten anderer Clubs entstehen, werden wir sicher eine einvernehmliche Lösung finden. Aber das sind Spekulationen, zunächst einmal muss die Tagesarbeit erledigt werden. Und als Team kann man Berge versetzen – das sieht man am Beispiel Kaiserslautern.

Dort ist ja Ihr Sohn Marco erfolgreich Trainer. Gibt es da auch ab und zu mal Tipps im sportlichen Bereich?

Eigentlich nicht. Er hat die Mannschaft ja noch nicht gesehen, mit einer Ausnahme, und dann gesagt: „Ich bin erstaunt, wie sich die Spieler einsetzen und was für eine Leidenschaft sie an den Tag legen.“ Viel mehr kann er von außen nicht tun.

Er könnte ja mal zu einem Freundschaftsspiel nach Degerloch kommen.

Ich werde am Montag zum Spiel gegen Bielefeld gehen – und danach dem Manager Stefan Kuntz den Vorschlag unterbreiten.

Gibt es ein Hauptziel für die Amtszeit von drei Jahren?

Ganz klar: eine Klasse höher zu kommen.

Die interne Konkurrenz, die Handballer der Kickers, sind auch noch viertklassig, wollen aber bis 2013 in der zweiten Liga spielen.

Man muss immer Ziele haben, und wir wünschen den Handballern im Club viel Erfolg bei der Umsetzung. Aber für uns ist das ein weiter Weg. Ich bin zwar der Überzeugung, dass die Kickers von der Historie und ihrem Namen in die zweite Liga gehören, habe aber nie gesagt, dass wir es auch schaffen – wenngleich ich mittelfristig die Hoffnung nicht aufgebe.

Das Gespräch führte Joachim Klumpp.

Stuttgarter Zeitung

ZUR PERSON

Edgar Kurz Der Heimatclub des 68-Jährigen ist der SV Sillenbuch, mit dem er als Trainer in die Bezirksliga aufgestiegen ist. Kurz ist Inhaber der Versicherungsagentur Rudolf und Hermann Schmid. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Präsident Kurz ist seit dem 15. Juli Präsident der Kickers und damit Nachfolger von Dirk Eichelbaum, zuvor war Hans Kullen im Amt (Juli 2003 bis März 2007), der den inzwischen verstorbenen Ehrenpräsidenten Axel Dünnwald-Metzler nach 24 Jahren abgelöst hatte. ump

Stuttgarter Zeitung

Presse-Nachlese zur Jahreshauptvesammlung – Porträt Axel Kolberg

Die Kickers wollen Mitglieder gewinnen

Um Punkt 22.46 Uhr hat der Versammlungsleiter die Mitgliederversammlung der Stuttgarter Kickers am Dienstag beendet. Was unterstreicht, dass der Abend weitgehend harmonisch abgelaufen ist, schließlich mussten turnusgemäß auch noch Wahlen abgehalten werden. Der achtköpfige Aufsichtsrat mit Rainer Lorz an der Spitze bestätigte erwartungsgemäß Edgar Kurz in seinem Amt als Präsident. Der 68-Jährige weiß um die Probleme der Konsolidierung: „Ich bin dankbar, dass wir bei einer Hauptversammlung zusammengekommen sind – und nicht beim Insolvenzverwalter.“

Angesichts des auf 744 000 Euro gestiegenen Schuldenstands mahnte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Christian Dinkelacker: „Ich glaube, einige Mitglieder wissen gar nicht, wie Spitz auf Knopf es im Sommer um den Verein stand.“Enthalten sind in dem Betrag noch nicht einmal die privaten Darlehen der Familie Dünnwald-Metzler und von Hans Kullen, dessen Rückzahlung der zweiten Rate für 2009 ausgesetzt wurde, oder der DFB-Kautionsfonds. Insgesamt macht das nochmals Verbindlichkeiten von 1,1 Millionen Euro.

Umso wichtiger scheinen neue Wege in der Vermarktung, einer davon soll die verstärkte Mitgliederwerbung sein. „Wir wollen bis zum Saisonende die Zweitausendermarke knacken“, sagt der Geschäftsführer Jens Zimmermann, nachdem aktuell 1475 Mitglieder registriert sind. Der Jahresbeitrag soll im Gegenzug – angelehnt am Gründungsjahr 1899 – nur noch zwischen 18 und 99 Euro betragen. ump

Stuttgarter Zeitung

Ein furchtloser Werbeprofi mit pfiffigen Ideen für die Blauen
Das neue Präsidiumsmitglied Axel Kolberg will die Marke Kickers weiterentwickeln: „Flamme brennt, jetzt müssen wir Öl nachgießen“

Von Jürgen Frey

STUTTGART. Als das frisch gewählte Präsidiumsmitglied der Stuttgarter Kickers vorne am Tisch der Führungscrew Platz nahm, ballte er die Faust und reckte sie nach oben wie ein Boxer im Ring. Die Freude auf sein neues Amt beim Fußball-Regionalligisten war Axel Kolberg bei der Mitgliederversammlung deutlich anzusehen. „Dieser Mann fürchtet sich vor nichts“, sagt Präsident Edgar Kurz, „er ist ein Querdenker mit Niveau, der uns mit seiner dynamischen und kreativen Art nach vorne bringt.“

Der Kontakt wurde vertieft, nachdem Kolbergs Stuttgarter Werbeagentur Wire mit pfiffigen Ideen die Kickers überzeugt hatte. Die Plakataktionen mit Slogans wie „Blaublut sucht Herzblut“ oder „Was zählt, ist rund“ kamen im Lager der Kickers sofort gut an. Kolberg ließ sich von Kurz überzeugen, im Präsidium den Bereich Marketing zu übernehmen, Dieter Wahl kümmert sich künftig auf eigenen Wunsch um die anderen Abteilungen. Warum er sich in die Verantwortung nehmen ließ? „Die beste Motivation ist ein gutes Gefühl“, sagt Kolberg, „und mit fähigen Leuten etwas zu bewegen reizt mich.“

Der 41-Jährige ist gebürtiger Karlsruher und unterstützte als glühender Fußballfan den KSC von klein auf im Fanblock. Seit sechs Jahren lebt und arbeitet er in Stuttgart. Und jetzt will er die Marke Kickers weiterentwickeln: „Die kleine Flamme brennt, nun müssen wir Öl nachgießen, damit sie nicht erlischt.“ Was die Kickers repräsentierten, ist für den Werbeprofi völlig klar: „Wir stehen nicht für Zirkus, sondern für 90 Minuten Kampfgeist und ehrlichen Fußball.“

Mit Hilfe Neuer Medien will er neue Zielgruppen erschließen. Die Kickers sieht er bereits auf dem richtigen Weg: „Welcher Viertligist hat schon einen SMS-Ergebnisservice oder ein Internet-TV auf der Homepage?“ Dass letztendlich die beste Imagekampagne und Sponsorenstrategie nichts bringt, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, ist ihm klar. „Wir wollen mit kleinen Schritten nach oben“, betont er. Der nächste soll am kommenden Samstag (14 Uhr/Gazistadion) im Derby gegen den VfR Aalen folgen. Kolbergs Tipp: „Wir gewinnen 2:1.“ Dann wird er wahrscheinlich wieder die Faust ballen und sie wie ein Boxer nach oben recken.

Stuttgarter Nachrichten

Presse zur Jahreshauptversammlung

Einige Pluspunkte, aber ein finanzielles Minus

Stuttgarter Kickers Nach dem Abstieg aus der dritten Liga macht der Verein erstmals seit 2005 wieder Verlust. Von Joachim Klumpp

Mehr Schein als Sein? Erstmals nach vielen Jahren haben die Stuttgarter Kickers ihre Hauptversammlung nicht in der Clubgaststätte abgehalten, sondern nebenan im SSB-Waldaupark. Wie zuletzt unter Zeiten des verstorbenen Ex- und Ehrenpräsidenten Axel Dünnwald-Metzler. Keine Angst, beim Fußball-Regionalligisten ist nicht der Größenwahn ausgebrochen, aber die eigenen Räume waren doch stets sehr beengt, erst recht, wenn wie gestern Abend auch Neuwahlen auf dem Programm standen.

Dabei wurde der bisherige Aufsichtsrat – plus drei neue Mitglieder – wiedergewählt, um anschließend den Präsidenten Edgar Kurz in seinem Amt zu bestätigen. Neben Friedrich Kummer und Dieter Wahl stieß Axel Kolberg neu in den Vorstand – als Chef einer Werbeagentur naheliegenderweise für den Bereich Marketing.

Schon vorab hatten die Verantwortlichen die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr vorgelegt – und die endete nach dem Abstieg in die vierte Liga erwartungsgemäß mit roten Zahlen. „Wir sind aber mit einem blauen Auge davongekommen“, sagte der Schatzmeister Friedrich Kummer. Unter dem Strich stand erstmals seit 2005 ein Verlust von 152 411,18 Euro zum Stichtag am 30. Juni (nach 330 000 Euro Plus im Vorjahr). Der resultierte vor allem aus dem Posten „Abschreibungen auf Finanzanlagen“. Diese betreffen in erster Linie die interne Beteiligungsgesellschaft, die sich auf – nach dem Abstieg – wertlose Spielerwerte stützte, und mit 550 000 Euro zu Buche schlägt. Zudem blieben zum Beispiel auch die Zuschauerzahlen (mit 2767 zahlenden im Schnitt) unter der Kalkulation, so dass dadurch ein Loch von 90 000 Euro in die Kasse gerissen wurde.

„Ich hoffe dennoch, die Mitglieder honorieren unsere Arbeit“, hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Rainer Lorz gesagt. Durchaus. Pfiffe im Saal gab es von den 215 Anwesenden jedenfalls so wenig wie in den vergangenen Wochen auf den Rängen. Publikum und Mitglieder scheinen mit der Arbeit auf und abseits des Platzes zufrieden zu sein. Genau wie Lorz: „Wir spüren schon eine Aufbruchstimmung, die müssen wir nutzen.“

Soll nicht gleich heißen: zum Aufstieg. Aber zur Konsolidierung in diesem Jahr. „Dauerhaft wird es in der vierten Liga natürlich schwierig“, dessen ist sich auch Lorz bewusst. Die Mannschaft soll vom nächsten Jahr an wieder oben mitspielen, auch wenn der Sprung in die dritte Liga bei nur einem Aufsteiger kein leichtes Unterfangen werden wird. „Deshalb nenne ich auch keine Jahreszahl“, sagte Lorz.

Ähnlich sieht es der Präsident Edgar Kurz, wohl wissend, dass es zunächst einige Hausaufgaben zu erledigen gibt. Zuvorderst einmal hängt da der in Anspruch genommene Kautionsfonds von 200 000 Euro (plus Zinsen) wie ein Damoklesschwert über dem Verein. Der muss bis spätestens 15. Mai an den DFB zurückbezahlt werden, um auch für nächste Saison eine Regionalligalizenz zu erhalten. „Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Termin nicht ausreizen müssen“, sagte Lorz, und der Präsident fügte hinzu: „Da laufen Gespräche.“

Man spürt: die aktuelle Führungsmannschaft geht die Aufgaben konzentriert, aber auch mit der nötigen Gelassenheit an. Das war nicht immer so. Es ist noch gar nicht lange her, da prägten Eitelkeiten statt Sachlichkeit die Diskussionen in Degerloch.

Doch Kurz, der sich selbst geschickt im Hintergrund hält, ist es innerhalb von gut vier Monaten gelungen, ein neues, besseres Klima zu schaffen, zu dem natürlich auch die Mannschaft beigetragen hat: Die war gestern durch einige Spieler ebenso vertreten wie der Trainer Dirk Schuster, den Kurz ausdrücklich lobte: „Sie haben eine tolle Einheit geformt. Diesen Weg müssen wir weitergehen.“ Es bleibt auch nichts anderes übrig, denn der Schuldenstand hat sich durch den Verlust im vergangenen Geschäftsjahr erhöht – auf nun 744 000 Euro. Kummer gab zu: „Das ist ein Rückschritt.“ Es sollte gestern der einzige bleiben.

Stuttgarter Zeitung

Misserfolge in der dritten Liga bescheren Verluste
Kickers vermelden im Geschäftsjahr 2008/09 Defizit von 152 411 Euro

Von Jürgen Frey

STUTTGART. Die vergangene Runde in der dritten Liga mit dem sang- und klanglosen Abstieg der Stuttgarter Kickers hatten viele Fans des Fußball-Regionalligisten schon aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Gestern Abend bei der Mitgliederversammlung im SSB-Waldaupark kamen die Erinnerungen aber wieder hoch. Denn die Misserfolge blieben nicht ohne Folgen für die Bilanz des Geschäftsjahrs 2008/09. Zwar sagte Präsident Edgar Kurz vor den 215 anwesenden Mitgliedern: „Ich bin froh, dass wir uns hier treffen und nicht vor dem Insolvenzverwalter.“ Das änderte allerdings nichts daran, dass die Kickers ein Defizit von 152 411 Euro vermelden mussten, weshalb sich die bilanzielle Überschuldung auf 744 095 Euro erhöhte. „Der Abstieg tat richtig weh“, sagte Schatzmeister Friedrich Kummer – und ergänzte: „Ich hätte lieber einen Gewinn ausgewiesen, doch das war aufgrund der sportlichen Talfahrt nicht möglich.“

Der vorgesehene Zuschauerschnitt von 3300 wurde mit 2767 Fans pro Spiel klar verfehlt. In Sachen Vermarktung machte der früh feststehende Abstieg den Machern einen Strich durch die Rechnung. Kummer: „Vermeintliche Endspiele im Saisonschlussspurt hatten nur noch Freundschaftsspielcharakter.“ Insgesamt sieht das Präsidiumsmitglied die Blauen wirtschaftlich auf einem guten Weg: Für das laufende Geschäftsjahr prophezeit Kummer eine schwarze Null.

Durch die Verluste hatten die Kickers allerdings keine Möglichkeit, ihre Altlasten abzubauen. Diese Verbindlichkeiten belaufen sich auf 1 134 608 Euro. Darin enthalten sind die Darlehen von Hans Kullen und der verstorbenen Ursi Dünnwald-Metzler sowie die aus dem Kautionsfonds des DFB geliehenen 200 000 Euro. Hinzu kommen zurückgestellte Verbindlichkeiten bei Finanzamt und Stadt. Schritt für Schritt sollen diese in Zukunft abgebaut werden. Präsident Edgar Kurz ist optimistisch, dass dies gelingt: „Der Neustart nach dem Abstieg ist uns gelungen, jetzt gilt es, mit diesem Schwung neue Einkünfte zu generieren.“

Sehr erfreut zeigte sich Kurz über die Kontinuität in der Führungsetage. Erst wurden Präsidium und Aufsichtsrat mit großer Mehrheit entlastet. Dann wählten die Mitglieder den Aufsichtsrat, der wiederum Kurz für weitere drei Jahre zum Präsidenten bestellte. Der stellte sein Team vor: Kummer bleibt Schatzmeister, Dieter Wahl wird künftig für die anderen Abteilungen zuständig sein. Neu dabei ist Axel Kolberg. Der Chef der Stuttgarter Werbeagentur Wire soll im Bereich Marketing für frischen Wind sorgen. Zumal Mitarbeiter Martin Kurzka seine Tätigkeit (wie auch als Abteilungsleiter der Oberligaelf) demnächst beenden wird. Im Aufsichtsrat konnte der Vorsitzende Rainer Lorz neben den bewährten Kräften Christian Dinkelacker, Heinz Höfinger, Alexander Lehmann und Christian Mauch drei Zugänge gewinnen: den Wirtschaftsprüfer Niko Kleinmann, den Unternehmer Oliver Dornisch, Ex-Fan-Sprecher Philip Pfeiffer und als beratendes Aufsichtsratsmitglied Ministerialrat Karl Weinmann. „Wir haben in den Gremien fachlich und charakterlich einwandfreie Leute“, zeigte sich Kurz hochzufrieden und beendete die Versammlung um 23.48 Uhr mit den Worten: „Das war ein guter und harmonischer Abend. Das Kickers-Schiff ist auf Kurs.“

Stuttgarter Nachrichten

Die Folgen des Drittliga-Intermezzos
Die Stuttgarter Kickers schließen die vergangene Saison mit dem erwarteten Minus ab

Stuttgart – Nicht nur sportlich, sondern auch finanziell war die vergangene Drittliga-Saison für die Stuttgarter Kickers ein Flop: Bei der Mitgliederversammlung gestern Abend verkündete der Verein das erwartete Minus, das gleichzeitig den Schuldenberg wachsen ließ. Unterdessen wurde Präsident Edgar Kurz in seinem Amt bestätigt.

Von Beate Wockenfuß

„Wir müssen optimistisch nach vorne schauen, auch wenn ein langer, harter und steiniger Weg auf uns wartet“, sagte Kurz vor den 215 anwesenden Mitgliedern. Der 68-Jährige hatte am 15. Juli dieses Jahres – also nach dem Stichtag (30. Juni) der Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr – die Nachfolge von Dirk Eichelbaum angetreten und bekam nun für drei weitere Jahre vom zuvor gewählten Aufsichtsrat das Vertrauen ausgesprochen. Schließlich hat sich unter dem neuen Führungsstab nicht nur sportlich, sondern auch finanziell einiges zum Positiven gewendet. Friedrich Kummer (Finanzen) und Dieter Wahl (andere Abteilungen) bleiben dem Präsidium erhalten, das zudem durch Axel Kolberg komplettiert wird. Der Chef einer Stuttgarter Werbeagentur soll für den Marketing-Bereich zuständig sein.Zum bisherigen Aufsichtsrats-Team um den Vorsitzenden Rainer Lorz sowie Christian Dinkelacker, Christian Mauch, Heinz Höfinger und Alexander Lehmann sind Niko Kleinmann, Oliver Dornisch, Philip Pfeiffer und Karl Weinmann als beratendes Mitglied hinzugekommen. Kai-Uwe Völschow ist aus dem Gremium ausgeschieden, da er inzwischen auf der Geschäftsstelle der Kickers mitarbeitet. Während an der Spitze also Kontinuität angesagt und im Verein wieder einigermaßen Ruhe eingekehrt ist, hat sich durch das turbulente Gastspiel in der dritten Liga das finanzielle Loch noch vergrößert. 152 411 Euro betrug der Verlust – allerdings nur halb so viel wie befürchtet -, der mit den gestiegenen Ausgaben zusammenhängt. Die beliefen sich 2008/2009 auf 3,32 Millionen Euro, das sind 459 363 Euro mehr als in der Saison 2007/2008. Gründe dafür sind unter anderen die höheren Reisekosten in der deutschlandweiten Liga, die Zahl der Sicherheits- und Ordnungsdienste gemäß der Auflagen des DFB sowie höhere Personalkosten wegen der Trainerwechsel und nicht geplanten Spielerverpflichtungen während der Saison. Zwar sind die Einnahmen um 686 075 Euro auf 3,62 Millionen Euro gestiegen. Aber die sportlichen Misserfolge, durch die in der Rückrunde auch die Zuschauereinnahmen einbrachen, haben ein besseres Ergebnis verhindert. Die Verschuldung der Kickers wuchs somit um 152 411 Euro auf 744 095 Euro an. Durch die noch ausstehende Rückzahlung eines Kautionsfonds an den DFB (200 000 Euro plus Zinsen bis zum 15. Mai nächsten Jahres) ist die finanzielle Lage zusätzlich angespannt. „Wir gehen davon aus, dass uns die Rückzahlung gelingt und dass wir die nächste Saison mit einer schwarzen Null oder einem leichten Plus beenden werden“, ist Schatzmeister Kummer zuversichtlich.

Eßlinger Zeitung

Kickers-Aufsichtsratschef Lorz: „Die Chaos-Tage sind vorbei“

Stuttgart – Auch in den turbulentesten Zeiten blieb Rainer Lorz der ruhende Pol in der Führungsetage der Stuttgarter Kickers. Vor der Mitgliederversammlung an diesem Dienstag (19 Uhr) im SSB-Waldaupark äußert sich der Aufsichtsratschef über die Perspektiven des Fußball-Regionalligisten.

Herr Lorz, überlegt man sich in Zeiten eines Wettskandals nicht dreimal, ob man in einem Verein Verantwortung übernimmt?

Natürlich macht man sich seine Gedanken, klar. Aber letztendlich sind diese neuerlichen Manipulationsvorwürfe ein gesamtgesellschaftliches Problem. Bestechlichkeit gibt es in der Wirtschaft, und vor krimineller Energie ist man auch in einem Fußballverein nicht gefeit.

Kann man gar nichts dagegen tun?

Schwierig. Wir bei den Kickers schauen ganz besonders auf eine charakterlich einwandfreie Elf. Aber zu 100 Prozent lässt sich nicht in einen Spieler hineinschauen.

Kommen wir zur Mitgliederversammlung und den anstehenden Neuwahlen. Warum ist Edgar Kurz nicht nur deshalb ein guter Präsident, weil es kein anderer machen will?

(Lacht). Edgar Kurz ist sogar ein ganz ausgezeichneter Präsident.

Weil …

… er sich im Fußball auskennt, wirtschaftliche Kompetenz einbringt und ein integrativer Typ ist, der nicht auf Konfrontationskurs aus ist. Und ganz wichtig: Ihm liegt nichts daran, sich in der Vordergrund zu spielen. Er hat es nicht nötig, sich zu profilieren. Das macht die Sache leichter.

Eigentlich war nach dem Rücktritt von Dirk Eichelbaum doch alles auf Sie hinausgelaufen.

Dann müsste der Tag mehr als 24 Stunden haben. Nein, das hätte aus beruflichen Gründen beim besten Willen nicht funktioniert.

Warum bleiben Sie als Aufsichtsratschef am Ball?

Weil die Chaos-Tage vorbei sind, wir die richtigen Pflöcke eingerammt haben und die Arbeit hier wieder Spaß macht.

Das war vor einem halben Jahr noch anders.

Eindeutig. Vergangenen Mai nach dem 1:4 gegen den VfR Aalen saßen wir in den Gremien zusammen und dachten, die Welt geht unter. Die Lizenz zu bekommen, war ein echter Drahtseilakt. Doch die Weichenstellung hat funktioniert: Trainer Dirk Schuster hat sich irrsinnig gut eingearbeitet und Geschäftsführer Jens Zimmermann sorgt für frischen Wind im ganzen Verein.

Bleibt die angespannte finanzielle Lage.

Was die Liquidität betrifft, sieht es freundlicher aus als in der Vergangenheit. Auch im Hinblick auf die Rückzahlung des Darlehens an den DFB (Anm. d. Red.: 200000 Euro plus Zinsen bis 15. Mai 2010) arbeiten wir an Lösungen. Es sind viele kleine Schritte, die uns nach vorne bringen.

Haben Sie Ihr Aufsichtsratsteam für die Mitgliederversammlung schon beisammen?

Ja, wir konnten drei Kandidaten finden.

Um wen handelt es sich?

Um Dr. Nico Kleinmann, einen Wirtschaftsprüfer aus Stuttgart, den Unternehmer und langjährigen Kickers-Fan Oliver Dornisch aus Oldenburg und den früheren Fan-Sprecher Philipp Pfeifer. Dazu kommt als kooptiertes Mitglied der Ministerialdirektor Karl Weinmann. Er soll beratend tätig sein und die Kickers auch im Bereich der Eliteschulen des Sports noch stärker verankern.

Warum braucht man in der Regionalliga überhaupt einen Aufsichtsrat?

Zum einen wollen wir ja nicht ewig in der Regionalliga bleiben. Zum anderen sind die Aufsichtsratsmitglieder als Verbindunspersonen zum Beispiel zur Stadt wichtig. Je mehr wir an Bord haben, umso besser ist das für die Kickers.

Präsident Edgar Kurz tut sich dagegen sehr schwer, neue Präsidiumskollegen zu finden.

Warten wir es ab. Bis Dienstag abend ist noch Zeit.

Ist ein Sportfachmann im Präsidium aus Ihrer Sicht nicht unabdingbar?

Wenn sich jemand geeignetes finden lässt, wäre so ein Mann sicher ein Vorteil. Aber auf Teufel kommt raus jemanden zu überreden, dieses wichtige Amt zu übernehmen, macht keinen Sinn.

Dabei hat der in Schieflage geratene Unterbau einen Verbindungsmann, der sich um die Belange kümmert, doch dringend nötig.

Dass wir im Nachwuchsbereich besser dastehen können, steht außer Frage. Aber vor allem bei der Oberligaelf war klar, dass zehn Abgänge eine Lücke reißen werden. Diese Probleme kann kein Einzelner lösen. Wir bauen auf eine enge Verzahnung aller Trainerteams. Auch der Jugendleiter und unser Geschäftsführer sind in die Entscheidungen eingebunden. Klar ist: Eine gute Nachwuchsarbeit ist die Zukunft der Kickers.

Wo stehen die Blauen, wenn in drei Jahren wieder Neuwahlen anstehen?

Unser Plan sieht vor, uns in dieser Saison zu konsolidieren, nächstes Jahr in der Regionalliga oben mitzuspielen und im dritten anzugreifen und um den Aufstieg zu kämpfen.

Und wenn es schon in dieser Saison mit dem Sprung nach oben klappen würde?

Daran verschwenden wir eigentlich keinen Gedanken. Aber dankend ablehnen würden wir kaum.

Jürgen Frey

Stuttgarter Nachrichten

Kreitlein feiert im Haus der Geschichte

Stuttgarter Kult-Schiedsrichter wird an diesem Samstag 90 Jahre alt

Von Jürgen Frey

STUTTGART. Rudolf Kreitlein hatte die Lacher auf seiner Seite. Als es in dieser Woche zu den Fernsehaufnahmen für einen Beitrag im ARD-Morgenmagazin auf den Rasen des Gazistadions ging, fragte er ganz keck: „Und wer putzt meine Schuhe?“

Der saubere Sport lag einem der renommiertesten Fußball-Schiedsrichter des vergangenen Jahrhunderts schon immer am Herzen. Schon zu Lebzeiten hat sich der gebürtige Franke, der an diesem Samstag seinen 90. Geburtstag feiert, unsterblich gemacht – mit einem Geistesblitz: Kreitlein erfand die Gelbe und Rote Karte.

23. Juli 1966: Kreitlein leitete bei der WM im Wembley-Stadion das Duell England gegen Argentinien. Der Referee stellte den argentinischen Kapitän Antonio Rattin vom Platz. Es kam zu Tumulten. Rattin weigerte sich hartnäckig das Feld zu verlassen. Da es noch keine Roten Karten gab, konnte und wollte er Kreitleins Gesten partout nicht verstehen. Erst nach zehn Minuten geht der Südamerikaner in Begleitung englischer Bobbys in die Kabine. Auf der Rückfahrt ins Hotel kam Kreitlein und dem englischen Schiedsrichter-Betreuer Ken Aston die historische Idee. Inspiriert von den vielen Verkehrsampeln, entwickelten sie gelbe und roten Karten als weltweit verständliche und eindeutige Symbole. Der Weltverband Fifa nahm den Vorschlag auf und führte die Karten bei der WM 1970 ein.

Ehre, wem Ehre gebührt: Mit 30 Gästen feiert Kreitlein, der seit Jahrzehnten in Degerloch lebt, an diesem Samstag im Stuttgarter Haus der Geschichte seinen Festtag. Vertreter von VfB und Kickers sind dabei – und auch der argentinische Generalkonsul Juan Garibaldi gibt sich die Ehre. Schließlich war sein Landsmann Rattin nicht unbeteiligt an Kreitleins Kultstatus.

Stuttgarter Zeitung

Die letzte Chance des Mustafa Parmak

Der ehemalige Kickers-Profi hat sein Talent verschleudert – Jetzt versucht er mit Hilfe seiner Frau sein Leben neu zu ordnen

Er zählt zu den besten Fußballern, die je für die Stuttgarter Kickers gespielt haben. Doch Mustafa Parmak hat sein Talent verschleudert. Bei der Suche nach den Hintergründen spielen seine Wurzeln eine Rolle: Sein Leben ist ein permanenter Kampf um Wertschätzung. Mit der Heirat soll alles besser werden.

Von Jürgen Frey

STUTTGART. Die personifizierte Hoffnung umklammert er mit seinen Fingern. Hand in Hand mit seiner Ehefrau kommt Mustafa Parmak zum vereinbarten Termin. Ein Lächeln blitzt auf. Sie wirken glücklich. „Vielleicht habe ich zu spät geheiratet“, sagt Parmak gleich kurz nach der Begrüßung. „Bestimmt sogar“, ergänzt Nida mit einem sympathischen Lächeln. Seit der Hochzeit am 13. Juni dieses Jahres muss der 27-Jährige offiziell für zwei sorgen. Das motiviert den Mittelfeldspieler, noch einmal anzugreifen. Es ist die vermutlich letzte Chance des Mustafa Parmak.

Seit seiner Suspendierung bei den Blauen im vergangenen April ist er ohne Verein. Mit Ex-Kickers-Coach Stefan Minkwitz absolviert er Laufeinheiten. Außerdem trainiert er bei Verbandsligist SpVgg 07 Ludwigsburg mit. Für einen, der vom Fußball so wenig lassen kann wie ein Junkie von der Droge, ist das eine äußerst unbefriedigende Situation. Parmaks Ungeduld wächst mit jeder Minute. „Reich werde ich zwar wahrscheinlich nicht mehr, aber ich möchte es zumindest in der dritten Liga noch einmal wissen“, sagt er, schiebt seinen Oberkörper nach vorn und gesteht ungerührt: „Bisher habe ich mein Talent vergeudet.“

Wer nach den Ursachen forscht, stößt auf eine längere Geschichte. Sie begann spätestens in der Kickers-A-Jugend. Das Ausnahmetalent spielte mit seiner feinen Technik den Gegnern reihenweise Knoten in die Füße. Parmak flatterten Angebote von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg ins Haus. Doch Parmak entschied sich für die Türkei. Für Samsunspor. Vor allem auf Druck seines Vaters Hassan. Der Junior brach seine nach dem Hauptschulabschluss begonnene Druckerlehre ab. Doch nach drei Monaten floh er schon wieder zurück nach Stuttgart. Mit verletzter Seele. „Als junger Spieler wirst du in der Türkei behandelt wie der letzte Dreck“, sagt Parmak. Als müsste er seine Worte ein wenig wirken lassen, nippt er gelassen an einer Tasse Kaffee – dann ergänzt er: „Die verpasste Chance, bei einem Bundesligisten unterzukommen, hat mir einen Knacks versetzt.“

Er kämpfte weiter. Immer schwankend zwischen wilder Entschlossenheit und blanker Resignation. Nach einem halben Jahr unter Trainer Rainer Zobel bei den Kickers wechselte er zu Oberligist SpVgg 07 Ludwigsburg. Ein Absturz – vor allem in den Augen des ehrgeizigen Familienoberhaupts. „Ich musste den Vater mit Engelszungen überreden, die Lage realistisch einzuschätzen“, erinnert sich der damalige Ludwigsburger Trainer Martin Hägele noch wie heute an das Gespräch mit Hassan Parmak 2001 im 07-Clubhaus. Für den Fußball-Lehrer mit pädagogischem Hintergrund steht fest: „Mustafa ist fremdgesteuert, sein Vater hat ihn unter Druck gesetzt und war mit nichts zufrieden.“ Hägele spricht von diesem speziell unter Südländern weit verbreiteten Phänomen: Die Väter sehen in ihrem heranwachsenden Stammhalter den künftigen Nationalspieler. „Oft heißt es, du bist der Beste, die anderen müssen für dich rennen. Diese Haltung ist im Aktivenalter nur schwer zu korrigieren“, weiß Hägele.

Man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, dass dies ein Grund ist, warum sich Parmak nach zwei, drei genialen Spielen schnell wieder entspannt zurücklehnte – bis zum nächsten Tritt in den Hintern. Andererseits müsste Parmak das Kämpfen gewohnt sein. Er ist im Hallschlag aufgewachsen – einem sozialen Brennpunkt. Hier setzt sich der Stärkere durch. „Und hier lässt sich keiner etwas vom anderen sagen“, weiß Parmak. Auch das hat ihn geprägt.

Als er endlich den Sprung in die zweite Liga geschafft hatte, wurden ihm diese Sturheit, dieser ausgeprägte Stolz bei der TuS Koblenz (August bis Dezember 2008) zum Verhängnis. Trainer Uwe Rapolder, nicht gerade bekannt für ein besonders ausgeprägtes psychologisches Einfühlungsvermögen, ließ nach einem 0:9 in Rostock die Wut an dem Neuzugang aus. Der Coach habe ihn wüst beleidigt, sagt Parmak. Er zog sich zurück und ließ sich krankschreiben. Zweieinhalb Monate lang. Ein Hilfeschrei. Wieder hatte er den Wettbewerb mit dem eigenen Ich verloren. Nach der Winterpause wechselte er (nach 1995 bis 2002 und 2004 bis 2008) zum dritten Mal zu den Kickers. Ende April schob ihn Interimstrainer Rainer Kraft in die zweite Mannschaft ab. Die nächste Niederlage in seinem Kampf um Selbstwert und Anerkennung – nicht zuletzt in den Augen seines Vaters.

„Die Parmaks sind grundehrliche Leute“, sagt Ex-Kickers-Präsidiumsmitglied Michael Hofstetter. Der Stuttgarter Rechtsanwalt kümmert sich seit zwei Jahren als Berater um den Problemfall Parmak. Er kennt die Gerüchte: Parmak leide an Spielsucht und hätte Leute aus dem Kickers-Umfeld um Geld angepumpt. „Mustafa hat mir versichert, dass dies nicht stimmt“, sagt Hofstetter, räumt aber ein: „Er hat schon Mist gemacht und nicht mit eiserner Disziplin an seiner Karriere gearbeitet.“ Jetzt aber habe er sich abgenabelt vom Elternhaus und wisse, worum es geht.

Mustafa Parmak wird in seinem Leben wohl nichts mehr so perfekt beherrschen wie das Spiel mit dem Ball. Er weiß das. Nida weiß es auch. Mit Hilfe seiner Frau will er nun versuchen, sein Leben noch einmal neu zu justieren. Als Privatmann wie als Sportler.

Stuttgarter Nachrichten

Mustafa Parmak
Am 19. Mai 1982 kam Parmak in Stuttgart zur Welt.

Als Jugendlicher war der Mittelfeldspieler deutschtürkischer Abstammung beim VfR Cannstatt, der TSV Münster und den Stuttgarter Kickers am Ball.

Als Aktiver spielte Parmak für den türkischen Club Samsunspor, für die SpVgg Ludwigsburg (2002 bis 2004) und in drei Etappen für die Stuttgarter Kickers (1995 bis 2002, 2004 bis 2008 und Januar bis April 2009). Außerdem erlebte er ein Intermezzo bei TuS Koblenz (August bis Dezember 2008).

Seit dem 13. Juni 2009 ist er verheiratet mit Nida, das Paar lebt in Stuttgart.

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