StN: Kickers kein Einzelfall: Zahlreiche Ex-Erstligisten kämpfen ums Überleben

Tradition sucht Zukunft

Stuttgart – Fußball-Drittligist Stuttgarter Kickers steht erstmals in seiner Vereinsgeschichte vor dem Absturz in die vierte Liga. Die Blauen sind dabei in prominenter Gesellschaft. Zahlreiche andere früher erfolgreiche Traditionsclubs haben den Anschluss nach oben verloren.

VON JÜRGEN FREY

Marc Arnold scheinen Traditionsclubs magisch anzuziehen. Er spielte früher für die Stuttgarter Kickers, danach unter anderem für Borussia Dortmund und Hertha BSC. Jetzt ist der 38-Jährige sportlicher Leiter von Eintracht Braunschweig. Der Club gehörte zu den Bundesliga-Gründungsmitgliedern und feierte 1967 die deutsche Meisterschaft. Jetzt ist der Club Ligakonkurrent der Kickers – und Arnold kennt die Sorgen und Nöte der von der nationalen Elite abgehängten Traditionsvereine. „Bei jedem dieser Clubs gibt es spezielle Gründe für den Absturz“, sagt Arnold, „doch bei vielen sind es die eigenen Strukturen, die ihnen bis heute zu schaffen machen.“

Missmanagement und Größenwahn heißen die Stichworte. Auf dem beschwerlichen Weg zurück nach oben sind kleine Schritte verpöhnt. Genauso wenig langfristig angelegte Konzepte und damit Phasen der Konsolidierung ohne unrealistische, kurzfristige Träumereien. „Das Interesse an einem Traditionsverein, die Erwartungshaltung ist einfach um ein Vielfaches höher als bei anderen Clubs“, weiß Arnold aus eigener Erfahrung. Dass dies häufig auch an der eigenen Führungsetage liegt, zeigt das Beispiel Stuttgarter Kickers. Die Verantwortlichen im Reich der blauen Götter pflegten noch die Erinnerung an die glorreichen Taten der Vergangenheit, da hatte der Totentanz in die Zukunft längst schon begonnen. „Bei den Vergleichen mit der Vergangenheit geht die Objektivität verloren, im Endeffekt hemmen sie nur“, ist sich Arnold sicher.

Das Leben nimmt eben wenig Rücksicht auf die liebgewonnenen Gewohnheiten der Fußball-Romantiker. Früher ließen die Transfers von Jürgen Klinsmann, Karl Allgöwer, Fredi Bobic oder Zoltan Sebescen die Kasse bei den Kickers klingeln. Dann kam das Bosman-Urteil, später die Total-Vermarktung des Top-Fußballs. Um es vorsichtig auszudrücken: Die Blauen wirkten inmitten dieser rasanten Entwicklung wenig anpassungsfähig.

Schmerzfreie Zeitgenossen empfehlen solch klammen Clubs wie den Blauen, Insolvenz anzumelden. Doch diese Art der Befreiung von allen finanziellen Bürden der Vergangenheit ist nicht nur für Arnold „sehr negativ behaftet“. Es gibt sehr wenige Clubs, die danach noch einmal zurückkommen. Hessen Kassel, ein weiterer ehemaliger Verein von Marc Arnold, ist ein solches Beispiel. 1990 verabschiedete sich der Club aus dem bezahlten Fußball, überstand zwei Konkurse samt Löschung aus dem Vereinsregister. Nach der Neugründung 1998 arbeitete sich der Club aus der Kreisliga (!) wieder nach oben. Jetzt klopfen die Hessen ans Tor zur dritten Liga. Wie das möglich war? Vor allem dank einer Identifikationsfigur: „Der ehemalige Profi Holger Brück war als Trainer und Präsident ganz entscheidend am Wiederaufbau beteiligt“, erklärt Arnold. Vielleicht machen sich die Kickers schon mal auf die Suche nach einer solchen Ikone.

Stuttgarter Nachrichten

Presse zum Stand der Planungen für die 4. Liga

Das Ziel: bei Abstieg Aufstieg
Die Planungen des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers hängen nicht zuletzt vom Geld ab

STUTTGART. Das Präsidium der Stuttgarter Kickers hat am Montagabend getagt und sich mit dem Thema Regionalliga beschäftigt. Das Hauptproblem: bereits in der laufenden Saison drohen noch Liquiditätsprobleme.

Von Joachim Klumpp

Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Also hat das Präsidium der Stuttgarter Kickers am Montagabend wegen des nahezu sicheren Abstiegs aus der dritten Fußballliga kurzfristig eine Sitzung einberufen. Ohne den Aufsichtsrat – der dafür einen Anforderungskatalog vorgelegt hat. „Die Fragen arbeiten wir jetzt ab“, sagt der Präsident Dirk Eichelbaum nach dem fast fünfstündigen Treffen. Der Tenor: man will die Planungen für die Regionalliga verstärken, Problemfelder gibt es genügend.

> Thema Manager: „Wir vier Vorstandsmitglieder stellen uns der Verantwortung“, sagt das Präsidiumsmitglied Dieter Wahl. Also auch im sportlichen Bereich, in dem zwar der Manager Joachim Cast die Hauptverantwortung trägt, aber nicht die alleinige, wie Wahl betont. Der Vorstand sei jedenfalls nicht abgeneigt, die Zusammenarbeit fortzusetzen, zu der sich Cast grundsätzlich bereiterklärt hat – auch wenn das nicht überall im Umfeld des Vereins auf Gegenliebe stößt.

> Thema Trainer: Interne oder externe Lösung? – so lautet die Gretchenfrage, die noch nicht beantwortet ist, sondern vielmehr auch vom ausstehenden Saisonverlauf abhängt. Je besser der verläuft, desto mehr steigen die Chancen des Duos Rainer Kraft/Alexander Malchow. Dazu kommt die von vielen favorisierte Lösung mit dem Oberligacoach Björn Hinck. Für eine externe Lösung (zum Beispiel mit Peter Starzmann) spricht indes, dass in diesem Fall auch ein frischer Wind in den Kader kommen würde.

> Thema Mannschaft: Ein Gerippe des aktuellen Kaders, der zwischenzeitlich auf 28 Spieler aufgebläht wurde, soll gehalten werden, der Präsident spricht „schon von zehn Spielern“. Wobei allerdings auch Nachwuchskräfte wie Thomas Gentner berücksichtigt wären. Eichelbaum weiß, dass „die Planung von den finanziellen Möglichkeiten abhängt.“

> Thema Finanzen: Bisher gehen die Kickers von einem Etat von etwa 1,5 Millionen Euro aus, es darf aber gerne auch etwas mehr sein. „Wir werden jetzt die Gespräche mit den Sponsoren vertiefen“, sagt Eichelbaum. Ganz oben auf der Liste steht Eduardo Garcia, der seinen Spanienaufenthalt bis Sonntag verlängert hat. Aus dem Hause des Trikotpartners ist einstweilen zumindest Wohlwollen zu vernehmen, was ein weiteres Engagement – in reduzierter Form – angeht.

> Thema Liquidität: Problematisch sind aktuelle Liquiditätsprobleme, weil in den verbleibenden drei Heimspielen aufgrund der Tabellensituation weniger Zuschauer als kalkuliert kommen werden, so dass sich das veranschlagte Defizit von 300 000 Euro noch erhöhen dürfte. Eichelbaum sagt dazu: „Wir müssen versuchen, hier Umschichtungen vorzunehmen.“ Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem geplanten Bayern-Spiel im Juli. Sollten alle Maßnahmen nicht fruchten, schwebt nach wie vor die Insolvenz über den Stuttgarter Kickers. „Das ist weder angedacht noch erwünscht“, betont der Insolvenzexperte Dirk Eichelbaum, „allerdings wäre es auch falsch, es gänzlich auszuschließen.“

> Thema Hauptversammlung: Die nächste Mitgliederversammlung steht turnusgemäß bis Ende November (mit Neuwahlen) an. „Eine vorgezogene Versammlung ist denkbar, derzeit aber nicht geplant“, sagt Eichelbaum, der einer Wiederwahl nicht abgeneigt ist.

> Thema Aufsichtsrat: Eine vorgezogene Hauptversammlung wäre erst notwendig, wenn zum Beispiel aus dem sechsköpfigen Aufsichtsrat zwei Personen zurücktreten würden. Bei dem stellvertretenden Vorsitzenden Christian Dinkelacker sitzt der Frust über die sportliche Entwicklung zwar tief, an ein Aufgeben denkt er, momentan, aber nicht: „Ich werde das sinkende Schiff jetzt nicht verlassen“, sagt Dinkelacker. Dafür macht er sich den Vorwurf, nicht früher auf Missstände aufmerksam gemacht zu haben. „Es gibt viele Fragen, auf die ich eine Antwort erwarte.“ Wie gesagt: das Präsidium arbeitet daran. Mit welchem Erfolg, ist allerdings offen.

Stuttgarter Zeitung

Kickers: Salz zum SC Freiburg?
Viele offene Baustellen

Stuttgart – Fußball-Drittligist Stuttgarter Kickers hat die Planungen für die Regionalliga forciert. Die Federführung liegt bei Manager Joachim Cast – ob er selbst über die Saison hinaus weitermacht, ist weiter offen. Dagegen könnte die Zukunft von Torwart Manuel Salz beim SC Freiburg liegen. Das Präsidium tagte von Montag auf Dienstag bis tief in die Nacht. Konkrete Sofortmaßnahmen konnte Präsident Dirk Eichelbaum danach nicht vermelden: „Wir überstürzen nichts“, sagte der Chef der Blauen. Die Baustellen im Einzelnen:

Der Manager: An der Gerüchteküche kursierte zu Wochenbeginn schon ein möglicher Rücktritt von Joachim Cast. Eichelbaum weiß davon nichts. „Cast treibt die Kaderplanung für die neue Saison voran.“ Und am Rundenende? „Das ist offen, tendenziell macht er weiter“, sagt der Präsident.

Der Trainer: Der Verein will abwarten, wie die nächsten Spiele unter dem Duo Rainer Kraft/Alexander Malchow laufen. Unabhängig davon hat nach wie vor Oberliga-Coach Björn Hinck gute Karten. Kein Thema ist eine Verpflichtung von Peter Starzmann (zuletzt SSV Reutlingen).

Die Finanzen: Es droht eine Deckungslücke von rund 300 000 Euro. Denkbare Variante: Ein Sponsor geht in Vorleistung und erhält einen Teil der Einnahmen aus dem Freundschaftsspiel gegen Bayern München (21. Juli). Auch auf eine beim DFB hinterlegte Kaution in Höhe von etwa 100 000 Euro könnten die Blauen im Notfall früher zugreifen. Eine Insolvenz schließt der Kickers-Chef aus.

Die Mannschaft: Ein Teil des Teams soll gehalten werden. Dazu gehören Torwart Benjamin Huber und die Feldspieler Marcus Mann, Torsten Traub, Thomas Gentner, Michael Schürg, Marco Tucci, Marcel Ivanusa und Ralf Kettemann. Sicher gehen wird Keeper Manuel Salz – möglicherweise zum SC Freiburg. Auch Borussia Dortmund und Hannover 96 haben ihre Fühler nach dem 23-Jährigen ausgestreckt. Jürgen Frey

Stuttgarter Nachrichten

StN: Kickers wollen Drittletzter werden

Regionalligaplanungen vertieft

Stuttgart (jüf) – Sonntag und Montag waren trainingsfrei. Am heutigen Dienstag geht es für die Spieler des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers um 8 Uhr weiter. Zuerst geht es wegen einer verlorenen Wette zum Brezelbacken in eine Bäckerei – danach stehen zwei Trainingseinheiten auf dem Programm. Unterdessen hat Präsident Dirk Eichelbaum – trotz des praktisch feststehenden Abstiegs – Trainer Rainer Kraft in einem Gespräch klargemacht: „Herschenken der Saison ist verboten.“ Ziel sei es, zumindest den drittletzten Platz zu erreichen. Um bei einem möglichen Lizenzentzug eines Konkurrenten Gewehr bei Fuß zu stehen.

In der kurzfristig angesetzten Präsidiumssitzung gestern Abend (bei Redaktionsschluss nicht beendet) trieben die Blauen bis tief in die Nacht die Planungen für die Regionalliga voran. Personalentscheidungen sollten keine getroffen werden. „Wer Trainer sein wird und ob Manager Cast bleibt, wird nicht das vorherrschende Thema sein“, sagte Eichelbaum vor der Sitzung.

Stuttgarter Nachrichten

Kleinere Brötchen

…Stuttgarter Kickers

APROPOS…Von Joachim Klumpp

Die Stuttgarter Kickers haben nach dem nicht gerade erfolgreichen Einstand des neuen Trainers erst einmal zwei Tage freibekommen. Kraft tanken unter Rainer Kraft für die restlichen Saisonaufgaben. Und die beginnen heute schon um acht Uhr in der Früh. Treffpunkt Backstube. Dort nämlich soll eine Wette eingelöst werden, die das Präsidiumsmitglied Dieter Wahl mit einem Kickers-Sponsor im Falle einer Niederlage gegen Offenbach (0:1) ausgemacht hatte: Brezeln backen.

Ursprünglich waren nur drei Spieler zum Rapport vorgesehen, doch selbst dafür zeigte der Excoach Edgar Schmitt wenig Verständnis, weshalb er die Aktion kurzerhand unterbunden hatte. Andere Trainer, andere Einstellung. Rainer Kraft jedenfalls hatte keine Bedenken. Im Gegenteil. Plötzlich darf sogar die gesamte Mannschaft ran – was natürlich Fragen aufwirft.

Zum Beispiel die, ob nun endlich einmal alle Spieler etwas Vernünftiges zwischen die Zähne bekommen sollen? Einige der sogenannten Profis sind zuletzt angeblich ohne Frühstück zum Training erschienen, was sich selbstredend nicht gerade positiv auf die Fitness niedergeschlagen haben dürfte. Oder sollen sich die Kicker nur schon mal daran gewöhnen, wie es sich anfühlt, wenn es mit dem schönen Leben vorbei ist und man in der vierten Liga (oder noch tieferklassig) vielleicht nebenher einem geregelten Job nachgehen muss? Oder sollen die Vereinsverantwortlichen ganz einfach mal darauf eingestimmt werden, wie die Kickers künftig kleinere Brötchen backen?

Wir halten es mit dem Slogan des Sponsors: Zum Bäcker Lang lohnt jeder Gang – es muss allerdings nicht gleich der in die Regionalliga sein.

Stuttgarter Zeitung

Offenburger FV kommt zum Nachholspiel

Englische Woche für die „kleinen“ Blauen. Am Mittwoch Abend kommt der Offenburger FV zum Nachholspiel in der Oberliga Baden-Württemberg auf die Waldau. Die Begegnung vom 19. Spieltag war ursprünglich am 13. Dezember vorgesehen, musste im Februar abermals verschoben werden und findet nun endgültig am kommenden Mittwoch (Anstoß 18.30 Uhr) auf der Bezirkssportanlage statt.

Der Tabellenletzte aus Baden lieferte am vergangenen Wochenende eine überzugende Partie bei der TSG Hoffenheim ab. Zwar unterlag das Team von Trainer Arnold Brunner mit 0:2, sie machten es aber dem Favoriten und Zweiten der aktuellen Tabelle sehr schwer. Erst in der Schlussminute konnten die Hoffenheimer das entscheidende 2:0 erzielen, davor hatte der OFV sogar Chancen zum Ausgleich.

Anders die Kickers. Einer überlegenen ersten Halbzeit beim Kehler FV folgten wacklige 45 Minuten. Zur Pause lag das Team von Trainer Björn Hinck schon mit 4:0 in Front. Zweimal Mijo Tunjic und zweimal Sokol Kacani sorgten für die klare Führung der Degerlocher. Am Ende reichte es zwar noch immer zu einem klaren 5:3, das fünfte Tor der „Blauen“ erzielte ebenfalls Sokol Kacani, Trainer Björn Hinck war aber ganz und gar nicht mit der Leistung nach der Pause zufrieden. „Es gab einiges aus der zweiten Hälfte aufzuarbeiten“, so Hinck nach dem Spiel.

Personell kann der Kickers-Coach aus dem Vollen schöpfen. Bis auf Marcel Ivanusa, der im Kader der ersten Mannschaft steht, sind alle Spieler verfügbar. Auch der zuletzt angeschlagene Keeper Luis Rodrigues ist seit dem Wochenende wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen.

Offizielle Homepage

Presse zu Stuttgarter Kickers – Wuppertaler SV (0:1)

Die Durchhalteparolen werden leiser
Nach dem 0:1 der Kickers gegen Wuppertal besteht kaum noch Hoffnung auf den Klassenverbleib

STUTTGART. Das war es dann wohl. Die Stuttgarter Kickers kann jetzt nur noch ein Wunder vor dem Abstieg aus der dritten Fußballliga retten. Und bei den Planungen für die nächste Saison gibt es viele große Fragezeichen.

Von Joachim Klumpp

Die Mienen der Kickers-Verantwortlichen nach dem Schlusspfiff waren so trübe wie das Wetter auf Degerlochs Höhen. Tristesse pur herrschte nach dem 0:1 gegen den Wuppertaler SV, als sich nur noch Orlando Smeekes in Richtung Fanblock traute, der das Unheil erstaunlich gelassen hingenommen hatte. Sieht man einmal von einigen Sprechchören ab, die schon nach einer Stunde „aufhören, aufhören“ forderten.

Bereits zu diesem Zeitpunkt war offensichtlich, dass der Mannschaft nach der Pause das Aufbäumen fehlte, wohl auch der „Glaube an den Sieg“, wie es der Manager Joachim Cast ausdrückte. Damit ist schon nach zwei Spielen unter Rainer Kraft klar, dass auch der dritte Trainer der Saison wohl kaum mehr das Wunder vollbringen kann, selbst wenn der 46-Jährige tapfer betonte: „Solange wir rechnerisch noch eine Chance haben, werden wir nicht aufgeben.“

Doch die theoretische Möglichkeit auf den Klassenverbleib ist auch der einzige Hoffnungsschimmer. Denn wer, wie der Präsident Dirk Eichelbaum, gedacht hatte, das vermeintlich leichte Restprogramm erweise sich im Schlussspurt als Vorteil, muss sich eines Besseren belehren lassen. „Wenn man unter Druck steht, ist es nicht leicht, auch noch kreativ zu sein“, sagte der Abwehrspieler Markus Ortlieb. Zumal der Trainer viel riskiert, aber nichts gewonnen hat. Kraft stellte auf eine Dreierkette um. Der Schuss ging schon in der sechsten Minute nach hinten los, weil die indisponierte Abwehr Wuppertal zum 1:0 förmlich einlud.

Cast sagt: „Man muss jetzt der Realität ins Auge blicken.“ Dennoch appelliert der Präsident an die Ehre der Spieler. „Das war heute der gefühlte Abstieg“, sagte Dirk Eichelbaum, „aber wir müssen möglichst viele Punkte holen – und dann sehen, was passiert.“ Auch wenn es der Kickers-Chef nicht explizit aussprechen wollte, so hat er wohl die Hoffnung im Hinterkopf, dass ein Verein keine Lizenz erhalten könnte (siehe auch „Die Spielordnung“). „Wir spekulieren nicht darauf, aber es wäre ärgerlich, wenn wir in so einem Fall Letzter wären.“ Denn drei Konkurrenten wird es kaum erwischen.

Ganz abgesehen davon, dass auch die Kickers ihre Hausaufgaben erledigen müssen. Denn finanziell, da muss man kein Prophet sein, werden die Blauen die Saison mit roten Zahlen abschließen. Zumal der kalkulierte Zuschauerschnitt von 4000 nach den – trotz der Kampagne „Blaublut braucht dein Herzblut“ – nur 2600 Besuchern am Samstag zusehends außer Reichweite gerät.

Zwar haben die Kickers beim DFB die Lizenzunterlagen für die Regionalliga eingereicht, die auf einem Etat von etwa 1,5 Millionen Euro basieren, doch auch der muss erst einmal mit Leben gefüllt werden. Denn die höheren TV-Einnahmen für die dritte Liga (künftig 800 000 Euro), erweisen sich für die Kickers nun höchstwahrscheinlich als Bumerang, weil die zulasten der vierten Liga gehen, in der künftig nur noch etwa 120 000 Euro pro Saison ausgeschüttet werden.

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Mit dem Manager Joachim Cast? Der sagt nur: „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu diskutieren.“ Mit welchen Spielern? Mann und Traub könnten dazugehören, Tucci und Schürg, die jungen wie Gentner und Ivanusa ebenfalls – sofern die keine besseren Alternativen haben. Und natürlich mit welchen Trainer? „Es gibt naheliegende Kandidaten und weniger naheliegende“, sagt Cast. Dazu zählen die internen Lösungen mit dem Oberligatrainer Björn Hinck, vielleicht sogar Alexander Malchow, aber auch externe wie Peter Starzmann sind nicht auszuschließen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Rainer Lorz betont zunächst einmal: „Wir werden alles daransetzen, dass es weitergeht.“ Wobei das in erster Linie von den Sponsoren abhängen wird, die rund eine Dreiviertelmillion Euro beisteuern müssten. Dabei sollen einige angedeutet haben, dass sie in der vierten Liga ihr Engagement beenden, andere werden wohl nur mit reduzierten Bezügen am Ball bleiben. Und der Trikotpartner Gazi? Der hat lediglich einen Kontrakt für die dritte Liga, doch Eichelbaum setzt auf die Treue des Firmenchefs: „Eduardo Garcia kommt am Mittwoch aus dem Urlaub zurück, dann werden wir das Gespräch suchen.“ Dabei reichte die Tristesse bis zu dessen Domizil nach Spanien – auch dort hat es am Samstag geregnet.

Stuttgarter Zeitung

Kickers ergeben sich ihrem Schicksal
Abstieg steht praktisch fest – Landeka suspendiert

Stuttgart – Auflösungserscheinungen bei Fußball-Drittligist Stuttgarter Kickers: Der Absturz in die Regionalliga ist nur noch theoretisch zu verhindern. Es knirscht an allen Ecken und Enden.

VON JÜRGEN FREY

Draußen machten die Fans nach dem 0:1 gegen den Wuppertaler SV ihrem Ärger Luft. „Vorstand raus“ und „Ihr macht unseren Club kaputt“ hallte es aus dem B-Block. Drinnen sprach Präsident Dirk Eichelbaum vom „gefühlten Abstieg“. Auch Präsidiumsmitglied Dieter Wahl mottete den Rechenschieber ein. „Den Rest können wir im Kopf ausrechnen“, ergänzte er. Ansonsten soll sich das Duo nicht mehr viel zu sagen haben. In der Führungsetage gärt es wieder einmal gewaltig. Das eine oder andere Aufsichtsratsmitglied trägt sich mit Rücktrittsgedanken. Der Präsident bleibt standhaft. Noch zumindest. „Jetzt hinzuwerfen, ist nicht meine Sache. Ich gehe davon aus, dass ich bis zu den Neuwahlen im November weitermache“, sagte Eichelbaum. Manager Joachim Cast hielt sich über seine Zukunft bedeckt: „Heute ist nicht der Tag, um über eine solche Entscheidung zu sprechen.“ Als möglicher Nachfolger wird unterdessen Martin Braun (zuletzt VfR Aalen) gehandelt.

Genau wie die Führungsriege verhielt sich auch das Team auf dem Feld: ohne Plan und Konzept. Nach der Pause ergab sich das Team hilf- und willenlos seinem Schicksal. Der neue Trainer Rainer Kraft drückte sich so aus: „Der hundertprozentige Glaube an den Ligaverbleib war im Spiel nicht zu erkennen.“ Die Umstellung auf Dreierkette blieb ohne Erfolg. Nach der Auswechslung von Mustafa Parmak schwand die letzte Hoffnung auf so etwas wie Spielkultur. Zumal Bashiru Gambo auf der Position vor der Abwehr fürs Grobe zuständig war.

Dass es in der Mannschaft haufenweise Probleme gibt, es immer wieder zu Undiszipliniertheiten kommt, ist seit Wochen bekannt. Es passt ins erschütternde Bild, das die Kickers abgeben, dass auch in dieser Hinsicht viel zu spät reagiert wurde. Vor dem Spiel gegen Wuppertal wurde Mittelfeldspieler Josip Landeka für den Rest der Saison suspendiert – er hatte mit Musik im Ohr Freistöße geübt.

Stuttgarter Nachrichten

Schnitt machen
VON JÜRGEN FREY

Wenn dem Trauerspiel gegen Wuppertal etwas Positives abgewonnen werden kann, dann das: Die Kickers haben früher als in den vergangenen Jahren Planungssicherheit. Dieser zeitliche Vorsprung sollte genutzt werden, um einen Neuanfang vorzunehmen. Wenn schon die Alternativen für einen Austausch der Führungsetage am Saisonende fehlen sollten, muss Präsident Dirk Eichelbaum zumindest den Mut haben, alte Lasten über Bord zu kippen. Die sportliche Leitung hat versagt: Sosehr Joachim Cast seine Qualitäten im wirtschaftlichen und administrativen Bereich haben mag, nach den vielen personellen Fehlgriffen ist ein Manager-Wechsel unabdingbar.

Damit einhergehen muss endlich ein tragfähiges Konzept für die Zukunft. Der Club steht vor dem Tiefpunkt seiner Vereinsgeschichte. Weitere kurzfristige und unrealistische Zielsetzungen würden auch noch die letzten Getreuen unter den Fans und Sponsoren vergraulen. Neue, kreative Ansätze sind gefragt. Und da bleibt den Blauen nur eine Chance: die verbliebenen Mittel umzuschichten, auf den Unterbau zu setzen, um später davon zu profitieren. Flankierende Maßnahmen müssten eine Qualifizierungsoffensive für Trainer sein oder die Idee vom familienfreundlichsten Verein im Land. Alles andere hätte mit nüchternem Kalkül leider wenig zu tun.

Stuttgarter Nachrichten

„Der gefühlte Abstieg“
Die Stuttgarter Kickers stürzen nach dem 0:1 gegen den Wuppertaler SV der Regionalliga entgegen

Stuttgart – Die Stuttgarter Kickers können jetzt wohl für die Regionalliga planen. Das Schlusslicht der dritten Fußball-Liga unterlag im Abstiegsduell zu Hause dem Wuppertaler SV mit 0:1 (0:1) und hat nach dem sechsten sieglosen Spiel in Folge nur noch theoretische Chancen auf den Klassenverbleib.

Von Beate Wockenfuß

Der Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze ist auf acht Punkte angewachsen. Kaum vorstellbar, dass dies in den verbleibenden sechs Spielen noch aufzuholen ist. Denn nicht mal der 17. Platz würde zur Rettung reichen, da die Kickers das mit Abstand schlechteste Torverhältnis (- 28) der Liga haben. „Klar wird die Wahrscheinlichkeit geringer, aber es sind noch 18 Punkte zu vergeben“, betonte Rainer Kraft nach seinem zweiten Spiel als Cheftrainer. Und fügte zweckoptimistisch an: „So lange rechnerisch noch die Chance besteht, werden wir nicht aufgeben.“ Verteidiger Marcus Mann räumte zumindest ein: „Man muss realistisch sein, dass es jetzt sehr, sehr schwer wird.“ Die Vereinsführung ihrerseits hat den Rechenschieber bereits weggelegt. „Das war der gefühlte Abstieg“, erklärte Präsident Dirk Eichelbaum konsterniert. Und auch Manager Joachim Cast macht sich keine Illusionen: „Wir brauchen keine Durchhalteparolen mehr. Die Chancen sind auf das absolute Minimum gesunken.“ Die Verantwortlichen hoffen nun wenigstens noch auf einen Abschied mit Anstand. „Wir wollen nicht sang- und klanglos gehen, sondern die Saison ordentlich zu Ende bringen und nicht auf dem letzten Platz abschließen“, betonte Eichelbaum und gewann der schier aussichtslosen Situation noch etwas Positives ab: „Weil der Druck jetzt weg ist, ist vielleicht noch das Maximale möglich.“Die Partie gegen die harmlosen Wuppertaler war ein Spiegelbild der gesamten Saison: Sowohl die spielerischen Mittel als auch die nötige Effizienz fehlten. „Die Qualität ist da. Sie konnte nur nicht ausgespielt werden. Und deswegen stehen wir zu Recht da unten“, lautete das bittere Resümee von Cast. Damit haben die Kickers jetzt zumindest relative Planungssicherheit. Die Gespräche mit den Spielern laufen schon. Bis auf Bashiru Gambo hat keiner einen Vertrag, der auch für die Regionalliga gilt. Die nächsten Spiele werden zeigen, wen die Kickers überhaupt halten wollen.Bei den Fans war die Grenze der Leidensfähigkeit erreicht. Mit „Vorstand raus“-Rufen und „Ihr macht unseren Club kaputt“ ließen sie ihrem monatelang aufgestauten Frust noch während des Spiels freien Lauf. Auch die x-te taktische Umstellung hatte nicht zum Erfolg geführt. Die Kickers kamen in dem neuen 3-5-2-System nach dem frühen Gegentor von Tobias Damm (6.) überhaupt nicht zurecht. Der Glaube daran, noch gewinnen zu können, wich der Angst und der Verunsicherung. Während sich die „Blauen“ in der ersten Hälfte noch Chancen erarbeiteten, war nach der Pause die Luft endgültig raus. Das Team zeigte sich mutlos, kraftlos und hilflos. „Die Mannschaft kam mir merkwürdig gehemmt vor“, sagte Eichelbaum. Die Spieler waren physisch und psychisch am Ende. „Da spielen auch die Nerven eine Rolle. Wir haben verkrampft. Wenn der Druck zunimmt, ist es schwer, den Kopf frei zu haben und den Gegner auszuspielen“, gewährte Verteidiger Markus Ortlieb einen Einblick ins Innenleben.Gestern und heute hatten die Spieler frei und Gelegenheit, sich mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. „Da kann sich jeder selbst überprüfen. Wer noch nicht bei 100 Prozent war, hat die Chance zuzulegen“, sagte Kraft. Und: „Wir haben gegenüber dem Verein die Verpflichtung, die Saison ruhig zu Ende zu spielen – egal, was passiert.“ Die erste Station der Abschiedstour ist am Samstag (14 Uhr) Dresden.

Statistik
Stuttgarter Kickers: Salz – Mann (72. Gentner), Ortlieb, Traub – Deigendesch, Gambo – Traut, Parmak (46. Tucci), Ivanusa – Galm (55. Schürg), Smeekes.

Wuppertaler SV: Maly – Neppe, Fischer, Schäfer, Lejan – Stuckmann – Müller (85. Weikl), Hammes, Lintjens – Damm (88. Mahrt), Reichwein (81. Heinzmann).

Schiedsrichter: Benedum (Mehlingen).

Zuschauer: 2600.

Tor: 0:1 Damm (6.).

Gelbe Karten: Traub, Mann / Maly, Stuckmann, Reichwein, Lintjens.

Beste Spieler: Gambo, Salz / Maly, Hammes.

Eßlinger Zeitung

StN: Ehemalige Kickers-Spieler fordern Neuanfang

„Leute mit Ahnung müssen jetzt ans Ruder kommen“
Stuttgart – Der so gut wie sichere Abstieg des Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers lässt auch die ehemaligen Blauen nicht kalt. Guido Buchwald und Wolfgang Wolf bieten sogar ihre Hilfe an.

Guido Buchwald (48): „Leider sind die Blauen jetzt kaum mehr zu retten, da leide ich natürlich mit. Die Kickers dürfen nicht untergehen. Sie sind ein Traditionsverein und gehören eigentlich in die zweite Liga. Die Gründe für den Absturz liegen ganz klar in den vielen Fehlern, die im sportlichen Bereich gemacht wurden. Teilweise sind Spieler verpflichtet worden, die beim Absteiger SSV Reutlingen nicht zur ersten Garde zählten. So etwas kann ich nicht nachvollziehen. Deshalb ist es höchste Zeit für einen Neuanfang. Eine Insolvenz halte ich für den allerletzten Ausweg. Ich plädiere für eine Konsolidierung in der Regionalliga mit jungen Spielern. Die Kickers liegen mir am Herzen. Wenn man mich fragt, wäre ich zumindest für ein Gespräch bereit, in dem ich meine Gedanken offenlegen würde.“

Fredi Bobic (37): „Die Entwicklung bei den Blauen stimmt mich sehr traurig. Keiner weiß doch jetzt richtig, wie es mit dem Verein weitergeht. Viel zu spät haben die Verantwortlichen die Realitäten der dritten Liga erkannt. Jetzt müssen Leute mit Ahnung ans Ruder kommen, die ein Konzept haben und die ihre eigenen Interessen hintenanstellen.“

Wolfgang Wolf (51): „Der Abstieg ist zu 95 Prozent sicher, das ist jammerschade. Jetzt müssen sich schnell Leute an einen Tisch setzen, die ein Herz für die Kickers haben. Ansonsten befürchte ich, dass der Verein komplett von der Bildfläche verschwindet. Meiner Meinung nach muss sich der Club neu aufstellen. So hart es sich anhört: Aber Personen, mit denen du absteigst, sind gescheitert. Nach der Drittliga-Qualifikation wurden die falschen Schlüsse gezogen, die falschen Leute geholt. Ich verspreche den Kickers, dass ich ihnen zum Ende meiner Laufbahn noch mal helfen werde. Für die wunderschönen Jahre, die ich in Degerloch erlebt habe, möchte ich etwas zurückgeben. Doch zunächst muss ich nach mir schauen und trete am 1. Juli mein Traineramt beim griechischen Erstligisten Skoda Xanthi an.“

Markus „Toni“ Sailer (40): „Ich würde den Blauen jederzeit helfen – wenn es sein müsste auch als Fanbeauftragter.“

Jürgen Frey

Stuttgarter Nachrichten