„So etwas habe ich in 30 Jahren nicht erlebt“
Fußball Der Schiedsrichter drückt einer turbulenten Regionalligapartie seinen Stempel auf. Die Kickers verlieren gegen Nürnberg 1:2, drei Spieler durch Platzverweis und müssen wegen eines Feuerzeugwurfs auch noch mit einem Nachspiel rechnen. Von Joachim Klumpp
Als Rafael Foltyn aus Mainz-Kastel am Samstag um Viertel vor vier die Partie Stuttgarter Kickers gegen den 1. FC Nürnberg II (1:2) in Degerloch abgepfiffen hatte, stand er im Brennpunkt. Der Physiotherapeut Marc Weiss musste Philipp Türpitz und Alessandro Abruscia bremsen, damit die nicht auf den Unparteiischen losgingen, genau wie der Spielerberater Ronny Zeller den Trainer Dirk Schuster, der auf 180 war. Von Schweinerei, Schiebung oder Skandal war im Getümmel die Rede, und Zeller sagte: „Ich bin 30 Jahre im Fußballgeschäft, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Das war Betrug!“
Harte Worte nach einem Spiel, in dem der Schiedsrichter unter Polizeischutz den Platz verlassen musste und trotzdem von einem Feuerzeug an der Lippe getroffen wurde. Das wird einen Zusatzbericht zur Folge haben – und ein Nachspiel. Fragt sich nur, ob die Kickers mit einer Geldbuße davonkommen oder ob ihnen als Wiederholungstäter eine Platzsperre droht.
Und das nach einer Partie, in der beim 0:0 zur Pause aber auch rein gar nichts auf diese Turbulenzen hingedeutet hatte, die in zwei (fragwürdigen) Elfmetern und drei Platzverweisen mündeten. Der Schiedsrichter, der nicht seinen besten Tag erwischte hatte, war dabei mittendrin statt nur dabei. Sein Motto lautete: im Zweifel gegen die Kickers. Doch der Reihe nach.
49. Minute: Nach einem Eckball drückt Michele Rizzi einen Nürnberger etwas plump zur Seite, der Schiedsrichter zögert nicht lange, Elfmeter und Tor (durch Matthias Heckenberger). „Außerhalb des Strafraums kann man vielleicht Foul pfeifen“, sagt Rizzi später, „aber innerhalb . . .“
61. Minute: Nach einem Zweikampf an der Außenlinie kommen Oliver Stierle und sein Gegenspieler zu Fall; die Frage lautet eigentlich nur: Wer hat wen gefoult? Doch der Schiedsrichter hat eine exklusive Sicht der Dinge: „Schwalbe“ von Stierle, was für den bereits Verwarnten Gelb-Rot bedeutet. Doch es kommt noch schlimmer.
64. Minute: Wieder ist Rizzi der Unglücksrabe. Bei einem kleinen Gerangel zieht er seinen Gegenspieler kurz, der fällt geschickt – und der Schiedsrichter darauf rein? Wieder Pfiff, wieder Tor durch Heckenberger. „Sehr fragwürdig“, sagt Rizzi.
75. Minute: Bei einem Konter trifft Patrick Auracher den eingewechselten Michael Bühler mit gestrecktem Bein am Kopf. Der Schiedsrichter entscheidet auf Notbremse – und Rot. Hart, aber vertretbar. Doch damit nicht genug.
89. Minute: Der bereits verwarnte Torschütze Jéräme Gondorf leistet sich ein weiteres Foul – und fliegt mit Gelb-Rot vom Platz. Das Ende vom Lied in einer Partie, in der der Unparteiische trotz der vielen Unterbrechungen nur eine Minute nachspielen lässt. Er scheint es eilig zu haben, wie schon in der Halbzeit.
Da hatte Herr Foltyn, der nach der Pause jegliches Fingerspitzengefühl vermissen ließ, bereits nach sieben Minuten die Mannschaften aufs Feld geholt, woraufhin sich die Kickers beschwerten. „Als Antwort hieß es: es sind nur fünf Minuten vorgeschrieben“, berichtete der Geschäftsführer Jens Zimmermann später.
Und was sagten die Trainer? Nichts, die Pressekonferenz fiel aus, hinter vorgehaltener Hand gab Nürnbergs Trainer René Müller zu, dass Stierles Platzverweis eine Fehlentscheidung war. Dass seine Mannschaft in Überzahl bis zum Schluss um die drei Punkte kämpfen musste, spricht zumindest für die Moral der Kickers, die zwischenzeitlich zum 1:1 durch Gondorf gekommen waren (54.). „Mit elf Mann hätten wir gewonnen“, sagte Rizzi – und stand mit dieser Meinung nicht alleine da.
„Dem Fußball hat der Schiedsrichter keinen Gefallen getan“, sagte der Kickers-Präsident Edgar Kurz. Er verkniff sich, mehr Öl ins Feuer zu gießen, und ging stattdessen in die Schiedsrichterkabine, um sich für den Feuerzeugwurf offiziell zu entschuldigen. Ob es hilft? Das Strafmaß reicht in solchen Fällen von einer Geldstrafe über ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit bis hin zu einer Platzsperre. „Eine solche wäre übertrieben“, sagt Zimmermann.
Zumal die Kickers alles Erdenkliche getan hatten, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Mehr als 50 Ordner waren bei der Partie, die auch nicht als Sicherheitsspiel eingestuft worden war, im Einsatz. Die Frage lautete allenfalls, warum von ihnen keiner einen Schirm zum Schutz des Schiedsrichters hatte.
Der Verein wird auf jeden Fall Strafanzeige gegen unbekannt stellen, um später eventuelle juristische Forderungen gegen den Feuerzeugwerfer geltend machen zu können. Und der Schiedsrichter, der es zuvor so eilig hatte, verließ erst zwei Stunden nach dem Abpfiff das Stadion.
Kickers Güvenc – Gerster (55. Türpitz), Auracher, Rapp, Stierle – Rizzi (81. Savranlioglu) – Abruscia, Gondorf – Marchese – Brandstetter (70. Pala), Reule.
Schiedsrichter Foltyn (Mainz-Kastel).
Tore 0:1 Heckenberger (51. Elfmeter), 1:1 Gondorf (54.), 1:2 Heckenberger (64. Elfmeter).
Gelb-Rote Karten Stierle (61.), Gondorf (89.). Rote Karte Auracher (75./Notbremse).
Stuttgarter Zeitung
Zwei freie Tage zum Abreagieren
Von Jürgen Frey, aktualisiert am 06.09.2010 um 14:31
Stuttgart – Die Blauen sahen Rot: Drei Platzverweise und zwei umstrittene Foulelfmeter brachten die Emotionen im Lager des Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers zum Überkochen. „Wir lassen uns von den Benachteiligungen nicht stoppen“, sagte Trainer Dirk Schuster nach dem 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg II.
Die Art der Frustbewältigung sah bei allen anders aus. Manche Kickers-Spieler wollten einfach nur nach Hause, andere zog es zum Weindorf oder in die Disco. Trainer Schuster wählte die Zweisamkeit: Er machte einen langen Spaziergang mit seiner Frau Britta. „Jeder muss diese Enttäuschung, den Ärger, die Wut so schnell wie möglich auf seine Art verarbeiten“, sagte der Coach – und verordnete seiner Mannschaft zwei trainingsfreie Tage.
Es war schon ein außergewöhnliches Fußballspiel, das am Samstag im Gazistadion über die Bühne ging. Eine hochanständige Partie ohne jegliche Provokationen von beiden Seiten sahen die 2550 Zuschauer vor der Pause. Doch im Laufe der zweiten Hälfte nahm das Unheil für die Kickers seinen Lauf. Mittendrin: Schiedsrichter Rafael Foltyn (25) aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Er verhängte zwei umstrittene Strafstöße gegen die Blauen – beides Mal soll Michele Rizzi gefoult haben. Außerdem sahen Oliver Stierle nach einer angeblichen Schwalbe in einem Laufduell und Jerome Gondorf nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. Damit nicht genug: Das hohe Bein von Patrick Auracher ahndete der Referee als Notbremse. Kickers-Präsident Edgar Kurz sprach von einem „Skandal“. Coach Schuster beurteilte die Leistung des Schiedsrichters auch mit einem Tag Abstand als „unterirdisch“. Am Spieltag hatte er sich noch einen Maulkorb verpasst und nach Absprache mit seinem Nürnberger Kollegen Rene Müller die obligatorische Pressekonferenz abgeblasen. „Ich wollte mir nicht den Mund verbrennen und irgendwelche Sanktionen riskieren“, erklärte Schuster.
Auch seine Spieler waren unmittelbar nach dem Schlusspfiff auf 180. Kickers-Torwart-Trainer Kai Rabe musste Ali Pala und Mahir Savranlioglu fast schon im Polizeigriff in die Kabine führen. Physiotherapeut Marc Weiss zerrte Philipp Türpitz und Sandro Abruscia vom Feld. Den Rest zum Schutz des Schiedsrichters erledigten andere besonnene Kickers-Verantwortliche und der Ordnungsdienst. Was sie nicht verhindern konnten: Ein von der Haupttribüne aus geworfenes Feuerzeug traf den Schiri an der Lippe.
Die Blauen fahnden nach dem Übeltäter – genauso wie nach einer vernünftigen Aufstellung im Spiel bei 1899 Hoffenheim II am kommenden Samstag (14 Uhr). Drei gesperrte Stammspieler fehlen. Innenverteidiger Simon Köpf ist nach seiner Operation am Sprunggelenk zwar wieder im Training, eine Nominierung für die Anfangsformation kommt aber wohl noch zu früh. Zudem wird weiter nach einem Torwart Ausschau gehalten: Daniel Riemer (zuletzt Preußen Münster) sagte gestern ab. Für alle Fälle wird Defensiv-Routinier Moritz Steinle aus der Oberligaelf, die am kommenden Wochenende spielfrei ist, von Dienstag an mittrainieren. Wie auch immer die Aufstellung aussieht: Schuster setzt auf eine Trotzreaktion. „Wir lassen uns von den Benachteiligungen nicht stoppen und wollen in Hoffenheim drei Punkte holen“, sagt der Coach. Dann könnte man von einer äußerst erfolgreichen Frustbewältigung sprechen.
Stuttgarter Nachrichten
DIE KICKERS UND DER ÄRGER MIT DEN SCHIEDSRICHTERN
Artikel aus der STUTTGARTER ZEITUNG vom 06.09.2010
Strafe Im DFB-Pokalspiel am 22. Oktober 2006 gegen Hertha BSC brach der Schiedsrichter die Partie in der 81. Minute ab, nachdem sein Linienrichter Kai Voss von einem Bierbecher getroffen worden war. Gegen die Kickers wurden 10 000 Euro Strafe sowie ein Spiel
unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhängt.
Geisterspiel Die Regionalligapartie gegen Elversberg (2:0) musste im November 2006 unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Gazi-Stadion ausgetragen werden, zudem wurde im März 2007 auf DFB-Geheiß entlang der Gegengeraden ein Fangnetz installiert, das erst Ende September 2008 wieder entfernt werden durfte.
Zivilklage Vor dem Landgericht Stuttgart haben die Kickers den Prozess gegen den „Becherwerfer“ gewonnen. Der muss dem Club die Strafe von 10 000 Euro sowie den geschätzten Einnahmenverlust in Höhe von 3500 Euro ersetzen. Da der Verurteilte Privatinsolvenz angemeldet hat, ist derzeit aber nichts zu holen. ump
Stuttgarter Zeitung
Drei Platzverweise und die erste Pleite
Stuttgart (red) – Schwarzer Tag für die Stuttgarter Kickers: Erstens kassierte der Fußball-Regionalligist beim 1:2 (0:0) am sechsten Spieltag zu Hause gegen den 1. FC Nürnberg II die erste Saisonniederlage. Zweitens kamen beide Gegentreffer durch umstrittene Foulelfmeter zustande. Drittens beendeten die Gastgeber wegen drei Platzverweisen das Spiel nur mit acht Mann. Und viertens muss der Verein jetzt auch noch mit einer Geldstrafe rechnen, weil Schiedsrichter Rafael Foltyn (Mainz-Kastel) von einem Feuerzeug an der Lippe getroffen wurde.Nach diesem intensiven Spiel vor 2550 Zuschauern im Gazi-Stadion verweigerten beide Trainer jegliche Aussagen zur Partie, die übliche Pressekonferenz fiel aus.
Zuvor konnten die erhitzen Gemüter der Spieler und Fans der „Blauen“ nur schwer beruhigt werden. Denn nach der torlosen ersten Hälfte überschlugen sich im zweiten Abschnitt die Ereignisse. Aus Sicht der Kickers jagte ein negativer Höhepunkt den nächsten – mit Ausnahme des 1:1-Ausgleichstreffers durch Jerome Gondorf in der 54. Minute. Zuvor hatte Matthias Heckenberger die Nürnberger per Foulelfmeter (50.) in Führung gebracht. Der gleiche Schütze sorgte erneut per Strafstoß auch für den 2:1-Endstand (63.). Dazwischen sah als erstes Kickers-Mittelfeldspieler Oliver Stierle wegen einer Schwalbe die Ampelkarte (61.). Ihm folgten später Innenverteidiger Patrick Auracher wegen hohen Beins (Rot/75.) und Torschütze Gondorf nach wiederholtem Foulspiel (Gelb-Rot/88.) ebenso frühzeitig in die Kabine.
Eßlinger Zeitung