Reise in die Vereinsgeschichte: Die Stuttgarter Kickers in Budapest und Wien 1920

10. Dezember 2008 in Fans, Kickersarchiv, Verein

Nach dem Sieg gegen Bremen II hier auch der 2. Teil aus der Reihe „Zeitreise in die Vereinsgeschichte“.

Dieses Mal habe ich mir ein echtes Schmuckstück herausgezogen. Ein Schmuckstück, dass vielleicht auch den derzeitigen Politikern im Stuttgarter Gemeinderat vorgelegt werden sollte. Denn das was die Herren und Damen Entscheidungsträger von den Kickers heute halten, das war nicht immer so. Aber Werte und Traditionen sind heutzutage wohl nicht mehr gefragt.

Wir reisen zurück ins Jahr 1920. Nachdem das Kickers-Stadion im ersten Weltkrieg zum Anbau von landwirtschaftlichen Erzeugnissen genutzt wurde und die Revolution in Deutschland beendet ist, beginnt der Wiederaufbau. Die Kickers holem mit Dori Kürschner einen absoluten Top-Trainer vom MTK Budapest und feiern die Wiedereröffnung ihres Stadions mit einem Privatspiel gegen MTK Budapest. Kürschner soll das ungarische Fußballspiel – damals führend in Europa – auch bei den Kickers umsetzen. Von der Jugend bis hin zur ersten Fußballmannschaft soll dies auch später den Verein prägen. Zum Anschauungsunterricht begeben sich die Kickers an Ostern 1920 auf große Reise nach Österreich-Ungarn.

Ich weiß, es ist viel Text. Aber es lohnt sich.

Die Stuttgarter Kickers in Budapest und Wien
Eine würdige Vertretung Deutschen Fußballs in Budapest und Wien

Die schon seit einigen Monaten geplante und ihren Details ausgearbeitete Osterreise der Stuttgarter Kickers drohte noch im letzten Augenblick zunichte zu werden. Doch es gab für die tatenfrohe Kickersschar kein Halten. Die Pässe sind besorgt, leider stellte es sich bald heraus, daß wir nicht mit unserer stärksten Mannschaft die Reise würden ausführen können. Schäfer I ist geschäftlich zu stark in Anspruch genommen, Brutschin verletzt, Krebst ebenfalls noch nicht spielfähig. Vollrath kann keinen Urlaub bekommen. Aber frohen Muts wird die Reise beschlossen.

Die Reise

Wappen MTK Budapest

Wappen MTK Budapest

Am 30. März nachmittags 4 Uhr versammelten sich die Teilnehmer an der Budapester Reise im Vereinslokal „Charlottenhof“. 5 Uhr 10 Minuten Abgang des Schnellzuges Richtung München. Auf dem Bahnhof hatte sich eine große Kickersgemeinde zusammengefunden, um ihren Lieblingen die besten Wünsche mit auf den Weg zu geben. 20 Mann stark war der Trupp, der sich mit großen Mühen einen Platz in dem dichtbesetzten Schnellzug sichern konnte. Gegen 11 Uhr kamen wir in München an und wurden auf dem Hauptbahnhof von Herrn Kohl, dem offiziellen Reisemarschall, in Empfang genommen. Herr Kohl furh schon tagszuvor nach München, um die Paßfrage in Ordnung zu bringen. Noch ein kurzer Imbiß im Kaiserhof und dann ins Bett. 8 Uhr früh des andern Tags nahm uns der Schnellzug München-Salzburg auf. Nach herrlich schöner Fahrt am Sims- und Chiemsee vorbei landeten wir gegen 11 Uhr in Salzburg. Die Paß- und Zollformalitäten wurden dank der gütigen Unterstützung eines Mitgliedes der Bayern München rasch und ohne Aufenthalt erledigt. Ein kleines Frühstück und hernach Besichtigung dieser wunderbaren Stadt. Auch die denkwürdige Hohensalzburg wurde in Augenschein genommen und von hoher Warte aus die wunderbaren Schönheiten des Salzkammergutes in sich aufgenommen. Wie ein bunter Teppich lag vor uns ausgereitet die bayerische Hochebene, im Hinergrunde die Berge um Reichenhall und Berchtesgarden. Nachts 10 Uhr gings wiederum auf die Bahn um die 2 Etappte Salzburg-Wien hinter uns zu bringen. Bald waren alle verstaut, es wurden, soweit es eben ging, die primitiven und abgerissenen Wagen der österreichischen Bahn in Schlafwagen umgebaut. Noch bis spät in die Nacht hinein fand der schwäbische Humor sich in den ungewohnten Verhältnissen zurecht und manch derber Witz löste stürmerische Heiterkeit in den unbeleuchteten Coupes aus. Wels und Linz wurden zu schlafender Nachtzeit passiert. Gegen 1 Uhr mittags kam Wien in Sicht. Vorbei an den Hütteldorfer Spielplätzen des Waf und Rapid hinein in den Westbahnhof. Hier nahm uns unser alter lieber Übele in Empfang, der sich hervorragende Verdienste um das Gelingen unserer Osterreise sicherte. Das Hotel „zur grünen Weintraube“ nahm uns auf, drunten wars „Auf der Wieden“. Eine kleine Besichtigung Wiens schloß sich nach dem guten Mittagsmahl an. Der treue und mit den Kickers eng verwachsene Übele hatte in der Zwischenzeit auch schon Fahrkarten für die Fahrt Wien-Budapest besorgt, welche der Höhepunkt unserer Reise werden sollte. Mit dem Flußdampfer Karl Joseph legten wir den letzten Rest unserer Reise nach Budapest auf der Donau zurück. Allen wird diese Donaufahrt eine Erinnerung fürs Leben bleiben. Gegen 8 Uhr löste sich der Dampfer vom Landungssteg mit Kurs gen Osten. Mit Hainburg, der ersten Station, ließen wir Deutschösterreich hinter und, und schon kurze Zeit danach kam Preßburg, die alte denkwürdige ungarische Krönungsstadt in Sicht. Heute ist Preßburg tschechisch-slowakisch und mit ihm das ganze Land links der Donau von Preßburg bis Gran an der Mündung der Iboly. Komorn, die alte berühmte Donaufestung, trägt schon das Gepräge ungarischer Volkstümlichkeit. Auf der riesenbreiten Donau zwischen Komorn und Gran spielten hunderte von Wildenten, die immer wieder in großen Schwämen aus dem nahen Gebüsch aufstiegen, begleitet von ebenso vielen Fischreihern, die hier immer gedeckten Tisch finden.

Inzwischen hatte sich das Gros der Kickers auf dem Oberdeck des Karl Joseph häuslich eingerichtet, um von hier aus das ungewohnte wunderbare Landschaftsbild, das jede Sekunde wechselte, zu genießen. Nur wenige hatten sich abgesondert und sich in den – Damensalon – begeben. Daunter Wölflein, der in Manzi aus Preßburg, einer schwarzäugigen Ungarin, sein Ideal fand. Als ein Sittenrichter unsere Jungen aus der Damenkabine ausweisen wollte, protestierten in erster Linie die Damen, die, um das Gesetz zu umgehen, Götz und Wolf in waschechte Ungarinnen verkleideten. Zigaretten wurden herumgereicht, Bonbons genascht und ungarische Mehlspeisen vertilgt. Dann wechselten ungarische mit deutschen und schwäbischen Weisen. Das war in der Damenkabine. Droben auf dem Verdeck hatten sich die Naturfreunde aufgebaut. Gegen Abend kurz vor Untergang der Sonne, wurde Gran erreicht, der Sitz des ungarischen Fürstprimas, der in der Geschichte Ungarns schon oft eine große Rolle gespielt hat. Nun ist von hier ab die Donau ungarisches Gebiet. Eingebettet zwischen hohen Bergen fließt sich träge dahin. Inzwischen wird Waitzen erreicht und die Nacht ist hereingebrochen. Der Mond beleuchtet mit silbernen Strahlen Landschaft und Fluß. Rechts von uns türmen sich die Ruinen von Visegrad, links liegt Waitzen, gerade da, wo die Donau ihr berühmtes Knie macht. Nur noch zwei Fahrtstunden trennen uns von dem Ziel unserer Reise. Die Zeit wird damit ausgefüllt, daß aus dem unerschöpftlichen Born deutscher Lieder geschöpft wird. Nun fängt es an auf dem Schiff unruhig zu werden, also muß Budapest in der Nähe sein. Die Gepäckstücke werden in Ordnung gebracht und schon taucht in der Ferne das Lichtermeer Budapests auf. Nur wenige Minuten noch und wir sind am Ziel unserer Reise angelang, wir sind in

Budapest

Herrgott, wie wurden wir von unseren lieben Freunden von MTK am Landungssteg empfangen. Dr. Fodor, Kertesz, Schlosser, Frischer, Bajusz, alle waren erschienen und überschütteten uns mit Herzlichkeit. Als ob nach Jahren der Trennung 2 Brüder sich wiederfänden. Von dieser Herzlichkeit und Kameradschaftlichkeit umgeben, fühlen wir uns im ersten Augenblick im fremden Lang geborgen. Das Gepäck sofort ins Hotel, wir aber in das Klubkaffee des MTK, dem Kristallkaffee, wo uns gleich ein kräftiges Nachtmahl zubereitet wurde. Lange konnten wir uns nicht trennen, nach allen und nach allem wurde gefragt. Doch die Zeit war inzwischen stark vorgeschritten und Kürschner drängte zum Schlafengehen. Im Palacehotel herrlich untergebracht, schliefen wir bis tief in den Morgen hinein. Ein Bad im artesischen Heilbad mit nachfolgender Massage stärkte die etwas steif gewordenen Glieder. Nachmittags ein Rundgang durch die Stadt, Ostersonntag. Unser erster erster Spieltag gegen FTC, dem langjährigen ungarischen Meister, dem es als ersten kontinentalen Verein gelang, eine englische Berufsmannschaft zu besiegen! Über das Spiel selbst berichte ich weiter unten. Abends war Bankett bei FTC, wo wir zum erstnmal ungarische Gastfreundlichkeit genießen durften. Es waren schöne genußreiche Stunden, die FTC uns bescherte. Durch alle Reden klang die gleiche Freude, das gleiche Lei. Nun kam am Ostermontag das MTK-Spiel, auf das wir uns besonders vorbereiteten. Nach dem Spiel ein Bankett bei MTK, das wunderbar verlief. Der Höhepunkt desselben war die tiefschürfende Rede des Herrn Präsidenten Brüll, der als Meisterredner seine Zuhörer faszinierte. Den Abschied und gemütlichen Teil feierten wir wieder im Kristallkaffee beim Vereinsmitglied Veres. Erhebende Stunden waren es, die wird dort zubrachten. Prachtvoller Tokajerwein erhöhte die Stimmung und die Wogen der Begeisterung und Freundschaft schlugen über uns zusammen. Zigeunermusik peutschte die Ungarn auf, und auch die etwas schwerfälligeren Schwaben wurden durch diesen Schwung einer feurigeren Rasse aufgerüttelt. Aus hundert Kehlen wurde einander zugerufen „Auf Wiedersehen!“ „Wir kommen wieder!“ Und „Hoch Kickers!“ „Hoch MTK!“ „Hoch Ungarn“ und „Hoch Deutschland!“ Das ist großen Zügen unser Erleben auf der Reise und in Budapest.

Die Spiele

1. Spiel: FTC – Kickers 5:2 (1:0)
2. Spiel: MTK – Kickers 1:0 (1:0)

Wappen Ferencvaros Budapest

Wappen Ferencvaros Budapest

Um der Allgemeinheit ein klares Bild über die Spiele geben zu können, gebe ich den ungarischen Blättern – Tages- wie Sportblättern – das Wort. Sporthirlap: Berichtet nur über seinen Eindruck über das Spiel FTC, da der Bericht über das Spiel gegen MTK erst in der nächsten Nummer erscheinen wird, welches noch nicht in unseren Händen. Es schreibt u. a.: „In der ersten Halbzeit haben die Deutschen sehr wenig gezeigt und es wurde auf einen großen Gaolregen gerechnet, aber da kam es wie ein Wunder, denn die Kickers spielten in der zweiten Halbzeit wie ausgetauscht. FTC kann das Resultat (4:0) außer einem Eigentor der Stuttgarter nicht verbessern, dagegen die Kickers durch gesunde Kombinationen 2 sehr schöne Tore erzielen, und da sie weiter nichts erzielten, ist nur ihrem Pech zuzuschreiben. Wir müssen nach diesem ersten Spiel schon feststellen, daß die deutsche Mannschaft unserer Ligaklasse gleichstellt. Hervorragende Spieler außer ihrem Halbrechten Lachmann besitzen sich nicht, die Mannschaft bildet ein Ganzes, die einen Stil spielt, der auf gesunder Kombination aufgebaut ist, mit dem sie auch erfolgreich sein können. In was sie von unserer Mannschaft abstechen, ist ihr Nachteil; die Mannschaft spielt wie eine Maschine, bei der jedes Rad die genau vorgeschriebene Arbeit verrichtet, aber es fehlt ihr das Temperament, der unbedingte Siegeswille, der die ungarischen Mannschaften charakterisiert. Der Kritiker vergleicht das Spiel als Kampf des feurigen ungarischen Temperaments gegen die genau mit Berechnung arbeitenden Deutschen, in welchem das Temperament siegte. Fußballspielen können die Kickers. Ihr Ballabgeben, ihr gegenseitiges Zuspiel ist sehr genau, ihre Ballbehandlung ist sicher. Nur denken sie zu langsam. Das Spiel selbst wurde mit einer musterhaften Fairneß durchgefürt, daß der Schiedsrichter kaum einzugriefen hatte. Zuschauer ca. 25 000. Bruttoeinnahme 135 000 Kronen.“

Sportlap. In Friedenszeiten waren es die englischen Mannschaften, die uns die Osterattraktionen lieferten, und heute sind es die Stuttgarter Kickers, die dasselbe Interesse in Anspruch nahmen. Wir sehen vor unseren Augen das wunderbare Bild auf dem Hungaria-Platz mit den gefüllten Tribünen, Mensch an Mensch, so wie wir es bei den Länderspielen Österreich gegen Ungarn zu sehen bekommen haben. Die deutsche Mannschaft wurde außerordentlich symphatisch von dem Publikum begrüßt. Sie waren von liebenswürdigen Hochs, mit welchem sie begrüßt wurden, sichtlich befangen und ihr Spiel in der ersten Halbzeit war von dieser Befangenheit sehr beeinflußt. Unsere ersten Impressionisten sind, daß sie mit einem präzisen gut eingeschulten Zusammenspiel arbeiten. Die einzelnen Teile der Mannschaft verstehen sich gegenseitig sehr gut. Ihr Nachteil ist, was bei bei den meisten Deutschen der Fall ist, ihre Schwerfälligkeit, was besonders heute zum Ausdruck kam, da die FTC Leute auch für unsere Begriffe mit einer auffallenden Frische spielten. Die deutsche Stürmerreihe führt ihre Angriffe mit einer Selbstverständlichkeit durch, nur fehlt ihren Aktionen der Schwung, und in den kritischen Momenten die Entschlossenheit. Nach der zweiten Halbzeit zwingen die Kickers die Zuschauer zur Revision über das über sie gebildete Urteil. Sie spielen einen bestechenden Stil, der sich immer mehr abhebt. Sie sind beweglicher geworden, haben ihre Steifheit verloren. Sie geben nun nicht nur den gleichwertigen Gegner ab, sondern zwingen FTC immer mehr in die Verteidigung zurück. Zwei wunderbare Angriffe enden in zwei sehr schönen Toren, und wenn sie das Eigentor nicht gemacht hätten, und ihr Torwächter gesund gewesen wäre, hätten sie kaum eine Niederlage erlitten. Mit der größten Anerkennung müssen wir uns über das faire und korrekte Spiel äußern. Unser Eindruck ist auch, daß der FTC mit viel Glück dieses hohe Resultat erzielt hat. Über FTC schreibt das Blatt, daß sie schon seit langer Zeit kein so frisches und gutes Spiel lieferten. Folgt ein in die kleinsten Details eingehender Spielbericht, den wir des Raummangels weglassen.

Pesti Naplo. Die Deutschen zeigen am ersten Tag nicht viel Besonderes, aber die Meinung haben sie gründlich am zweiten Tag gegen MTK geändert, da sie beinahe einen gleichwertigen Gegner unserer Meisterelf stellten. Diese auffallende Änderung müssen wir in tiefliegenden Gründen suchen. Die deutsche Mannschaft war Tag und Nacht auf Reisen, konnte sich niergends erholen und ausruhen, hatte in der ersten Spielhälfte gegen FTC Lampenfieber und die schnellen Erfolge von FTC waren für sie ein handicape. Auch war ihr Torwächter bis Mittag mit hohem Fieber bettlägerig. Am anderen Tag stehen die Deutschen in fitter Kondition am Start. Ihr Torwächter spielt pompös, an die Bodenverhältnisse und die Zuschauermenge haben sie sich gewöhnt und auch die vom Publikum mit elementarer Kraft entgegengebrachten Ovationen machen auf sie einen guten Eindruck und steigern ihre Kampffähigkeit. Die Verteidigung war am ersten Tag unsicher und auch die Stürmerreihe konnte nur selten ihre Kombinationen, die auf hohem Niveau steht, dementsprechend beendigen. Gegen MTK funktionierte die Verteidigung glänzend, die Läuferreihe spielte sehr beweglich und die Stürmer greifen das ungarische Tor mit eingem geschickten selbstverständlichen Zusammenspiel an. Nur hier sehen wir eine Schwäche, da ihre Torfähigkeit noch nicht ganz auf der Höhe steht. Unser Gesamteindruck ist, daß die Stuttgarter Kickres unseren allerbesten Mannschaften nur um ganz wenig zurückstehen und wir teilen auch die allgemeine Meinung, daß es dem FTC kein zweites Mal gelingen wird, mit dem erzielten Resultat zu siegen. Gegen MTK sehen wir in der ersten Viertelstunde zur allgemeinen Überraschung die Stuttgarter in Überlegenheit. Mit schöner und immer schöner werdenden Kombination greifen sie das MTK-Tor an, in welchem der neue Torwart, in dem MTK eine neue erstklassige Kraft gefunden hat. Der erste ernste Angriff der unagrischen Mannschaft endete mit einem geschickten Durchbruch Winklers, den den Ball gut paciert, unhaltbar ins Netz bringt. Nach dem sehen wir MTK öfters im Angriff, ohne daß sie aber besonders gefährlich werden können. Nach Halbzeit sehen wir MTK die Oberhand, aber Torgelegenheiten, außer den zwei Durchbrüchen Orths, die aber auch verteitelt werden, waren keine vorhanden.

Nepszava. Die Gastspiele der Stuttgarter Kickers gaben uns unsere Feiertagsspiele. Der FTC konnte mit einer hohen Differenz gewinnen und MTK konnte nur mehr mit knapper Mühe ein 1:0 hervorbringen. Gegen MTK spielten die Kickers sehr gut und das Endresultat 1:0 müssen wir als real annehmen.

Pesti Hirlap. Gegen MTK. Bis zur Halbzeit mit sehr wenig Unterbrechnung sehen wir die Stuttgarter in Front gegen die etwas leicht arbeitende MTK-Verteidigung. Nach Halbzeit war unserer Meisterelf energischer im Spiel, aber die Stuttgarter Mannschaft gab ihnen auch jetzt einen würdigen Gegner.

Das sind nun die Äußerungen der Budapester Blätter über das gezeigte Spiel der Kickers, welche zur Genüge beweisen dürften, daß die Stuttgarter Kickers den süddeutschen Fußball als erste deutsche Mannschaft seit dem Kriege in Budapest würdig vertreten haben.

Etwas übermüdet, spielten die Kickers 2 Tage darauf gegen eine aus Vereinen Amateure, Wiener Sportklub und Hakoah kombinierte Mannschaftt, in welcher die bekannten Internationalen Gansl, Beer, Kurz mitwirkten, unentschieden 2:2. „Der neue Tag“ schreibt hierüber:
Die Serie der Osterveranstaltungen wurde gestern auf dem Dornbacher Sportplatze mit dem Gastspiel der von Budapest auf der Heimreise begriffenen Stuttgarter Kickers beschlossen. Die Gäste ließen deutlich erkennen, daß sie in frischer Kondition einen starken Gegner abzugeben in der Lage sind. Im Hinblick auf die von vielen deutschen Mannschaftn günstig abweichende moderne flache Spielweise, das gut augebildete Kolpfspiel, die verständisvollen Angriffsaktionen und das stattliche Gewicht, über welches die einzelnen schönen Figuren verfügen, erscheint auch ein so günstiges Abschneiden wie 0:1 gegen MTK begreiflich. Aus den Bewegungen, Zuspiel und sonstigen technischen Feinheiten ist eine gute Schule zweifellos erkennbar. Der Ex-MTK-Trainer Kürschner scheint seine Zeit in Stuttgart nicht nutzlos verbracht zu haben.

Ein Elfer half den Einheimischen zur Führung. Bis zur Halbzeit erhöhen sie ihren Vorsprung auf 2:0. (Der Elfer resultierte aus einem angeschossenen Handball, knapp an der 16m-Linie.) Während man allgemein erwartete, daß die Stuttgarter nach der Pause gegen den Wind spielend eine empfindliche Niederlage werden heimnehmen müssen, kamen die Gäste mit dem nassen Ball im Gegenwind gut bei, und erzielten bald ein allerdings leicht haltbares Tor; das zweite Tor des Linksaußen hingegen war ein Kabinettstück. Ein rasanter Lauf, den der Flügelstürmer an Beer und Scheuer wie an Pflöcken vorbeiführte und ein Bombenquerball führte ihn herbei. Ein englischer Profi hätte es nicht besser treffen können. Bei dem Stande von 2:2 bleibt es. Den Stuttgartern wurde vom Publikum ein warmer Emfpang bereitet.

Ungarn und auch Österreich ist uns im Sport in der Ausführung wie auch in der Auffassung meilenweit voraus, dies zeugt sich in vielen Kleinigkeiten, die großen Sachen abgerechnet. Wir haben den Eindruck, daß unser deutscher und besonders der süddeutsche Fußball nicht immer würdig von den besten deutschen Mannschaften vertreten wurde und so ein Zerrbild von unserem Fußballsport entstanden ist. Die lieblose Art und Weise, wie die deutschen Mannschaften im allgemeinen in Österreich kritisiert worden sind, gibt uns zu denken.

Besonders hervorragend ausgebildet ist der Sportsinn der Budapester. Vor dem Spiel MTK – Kickers spielte der FTC ein Meisterschaftsspiel gegen MAC. Unsere Spieler mußten, um zu den Auskleideräumen zu gelangen, an den Riesentribünen vorbei. Kaum wurden sie erkannt, als ein frenetischer Jubel sie begrüßte. Das sonst mit größter Aufmerksamkeit verfolgte Spiel FTC – MAC hatte für diesen Moment jeden Reiz verloren. „Hoch Deutschland!“ „Eljen Kickers!“ Ein Getrampel mit den Füßen der 20 000 Zuschauer erfüllte die Luft und gab Zeugnis davon ab, daß sich die Kickers mit dem tags zuvor absolvierten Spiel die Herzen der Zuschauer erobert hatten.

Wohl selten hat eine Reise ins Ausland die Kickers solche Ehrungen gebracht. Und wohl selten sind sie mit einer derartigen Herzlichkeit aufgenommen worden, wie in Budapest. Wir haben von MTK die Zusicherung erhalten, daß, wenn sie wieder in Süddeutschland spielen, wir auf ihren Besuch unbedingt werden rechnen können. Und dann werden wir versuchen unsere Dankesschuld abzutragen.

Der Reisemarschall, Herr Kohl, hat in väterlicher Weise für die Spieler gesorgt und nicht im ist es zuletzt zu verdanken, daß die Reise programmäßig verlaufen ist. Einen besonderen Platz beansprucht hier auch unser lieber Übele, dem wir auch hier noch vielmals für seine vielen Bemühungen herzlich danken.

F. J. Leute

Aus Fußball Nr. 15, 14.04.1920

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