StN: Helfen können nur noch die Fans

Die Blauen versinken plan-, ideen- und hilflos in der Bedeutungslosigkeit

Stuttgart – Sie sind Teil der Stuttgarter Sportkultur, sie prägten über Jahrzehnte die Farbenlehre diesseits und jenseits des Neckars mit. Das Kickers-K gehört zur Stadt wie der Fernsehturm. Jetzt droht den Blauen der Untergang. Das Schlimmste daran ist: Es scheint keinen zu kümmern.

Zugegeben: Es gibt bedeutendere Dinge in und um Stuttgart als den schleichenden Tod eines Fußball-Regionalligisten mit beachtlicher Vergangenheit. Wer die 109-jährige Geschichte der Stuttgarter Kickers einigermaßen kennt, fällt ohnehin von einem Koma ins andere. Gnadenlos stürzten die Blauen ihre Fangemeinde von blanker Euphorie in bodenlose Verzweiflung, von fassungslosem Glück in bitteres Elend. Doch womöglich ist es genau diese emotionale Unberechenbarkeit, dieses ewige Schwanken zwischen Champion und Loser, der ständige Kampf um die Existenz, der die Stuttgarter Kickers zu einer Art Metapher für das tägliche Leben machte. Wer ein bisschen näher dran sein wollte am Schicksal als die ewig vom Glück Begünstigten, der hing an den Zäunen des Waldaustadions und spielte im Geiste den entscheidenden Pass in die wirbelnden Beine von „Turbo-Dreher“. Der machte Toni Kurbos unter wildestem Gebrüll auch noch in der 89. Minute wieselflinke Beine – und brach atemlos zusammen, wenn Dieter Dollmann, der Hagestolz in Fußballschuhen, im eigenen Strafraum einen Gegenspieler tunnelte – aus Versehen.

Click here to find out more!
Ganz gleich, wie die Chose auch lief: Immer war es das unausgesprochene Gesetz des Zusammenwirkens von leicht unterdurchschnittlichen Profikickern mit leicht übermotivierten Kickers-Sympathisanten: Wenn der zwangsläufig parteiische Schiedsrichter die Backen zum Schlusspfiff aufblies, hatten alle ihr Bestes gegeben. Das war gar nicht so selten mehr als auf vergleichbaren Plätzen dieser Stadt und versetzte die Blauen häufig in die Lage, noch ans rettende Ufer zu krabbeln, wenn andere längst ertrunken wären. Zwar musste man nach solchen Aktionen den einen oder anderen kollabierenden Präsidenten wiederbeleben oder mit einem Viertele Trollinger geduldig aus irgendeiner dunklen Ecke des Stadions locken, aber wenigstens regte sich damals noch jemand auf, wenn den Blauen mal wieder der sportliche Exitus drohte. Diesmal zuckt Stuttgart nur noch mit den Schultern.

Wahrscheinlich liegt es an der bestürzenden Fantasielosigkeit, mit der die aktuelle Führungsmannschaft auf der Waldau die Notlage zur Kenntnis nimmt. Ihr Plan könnte sein, keinerlei Ideen zu haben. Immerhin hat ein Präsidiumsmitglied durchgesetzt, dass es im Clubheim neben Riesling auch Pinot Grigio gibt. Dem Kompetenzzentrum für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit wird nachgesagt, dass es nur dann Bewegung in den Club bringt, wenn es sein Auto vom Parkplatz fährt. Auf den Kauf eines Stürmers haben die Experten nach intensiver Analyse verzichtet, weil es vor der Winterpause lediglich am Erarbeiten von Chancen mangelte. Nach der Winterpause mangelt es an allem. Akute Abstiegsgefahr! Helfen können nach Lage der Dinge nur noch die Fans. Heute Abend, 19 Uhr, kommt der SC Pfullendorf. Eine Frage der Ehre!

Gunter Barner, Stuttgarter Nachrichten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.