Presse zum DFB-Pokal: Stuttgarter Kickers – Hertha BSC Berlin (0:2)

26. Oktober 2006 in Kickers I, News

Ein Bierbecher beendet den Pokalabend
 
Beim Stand von 0:2 wird das Spiel der Stuttgarter Kickers gegen Hertha BSC abgebrochen
 
STUTTGART. Das DFB-Pokalspiel der Stuttgarter Kickers gegen Hertha BSC ist mit einem Skandal zu Ende gegangen. Von einem Bierbecher getroffen brach der Linienrichter zusammen, woraufhin die Partie abgebrochen wurde. Ein langes Nachspiel wird folgen.

Von Joachim Klumpp

Berlins Trainer Falko Götz hatte vor dem Spiel in Stuttgart schon geunkt gehabt: „Dort erwarten uns Hektik und Provokationen.“ Dass diese Worte, die auf den Pokalkampf David gegen Goliath gemünzt waren, gestern Realität wurden, war nicht zu ahnen. Die Pokalpartie war praktisch entschieden, der Favorit aus Berlin führte mit 2:0 gegen den Regionalligisten, als ein großer Abend ein ebenso dramatisches wie unwürdiges Ende fand. Von einem vollen Bierbecher im Nacken getroffen sank der Linienrichter Kai Voss nach 80 Minuten benommen vor der Gegengerade des Gazistadions in sich zusammen. Nachdem er kurz behandelt worden war, brach der Unparteiische Michael Weiner nach Rücksprache mit dem Schiedsrichterbeobachter Winfried Buchhard das Spiel schließlich vorzeitig ab.

„Dieses Ende ist für uns eine Katastrophe“, sagte der Kickers-Manager Joachim Cast, für den es ein schwacher Trost war, dass die Polizei unverzüglich den Täter ermitteln konnte. Es handelt sich nach Polizeiangaben um einen 38-jährigen Mann aus dem Raum Necker-Fils, der zur Hooliganszene zählt und mehrfach vorbestraft ist. Der Schiedsrichterassistent, so teilte ein Polizeisprecher mit, habe keine ernsthafte Verletzung davongetragen.

Dabei war alles angerichtet gewesen für einen großen Fußballabend. Das Gazistadion war mit 10 500 Zuschauern ausverkauft, die ARD rückte mit einem 30-Mann-Team an, die Berliner kamen mit all ihren Nationalspielern wie Arne Friedrich, Malik Fathi oder Yildiray Bastürk, denen Dutt ein hoch motiviertes Kickers-Team entgegen stellte. „Raus aus dem Alltag, rein ins Vergnügen“, so lautete vor dem Spiel das Motto des Trainers, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, dass der Abend am Ende alles andere als vergnüglich werden sollte.

Auch der große Favorit aus der Hauptstadt hatte im Vorfeld nichts dem Zufall überlassen, als er sich auf das Pokalspiel vorbereitete. Gleich zweimal entsandte Hertha BSC seine Spione in den Süden, um Profile der Gegenspieler und Varianten ihrer Standardsituationen zu erstellen. Einen klassischen Pokalkampf erwarteten die Hertha-Chefs, die leidenschaftliche Auseinandersetzung zwischen den Kleinen aus Stuttgart, die nichts zu verlieren haben, und den Großen aus Berlin, die sich vor der Blamage fürchten. Dass es dann aber gleich so unschön werden würde, das hatten freilich auch Hoeneß und Götz in ihren schlimmsten Vorahnungen nicht vermutet. Der Manager Hoeneß ging hinterher davon aus, „dass das Spiel so gewertet wird, wie es bei Abbruch stand“.

Dabei wollten die Kickers mit aller Macht an das 4:3 nach Verlängerung in der ersten Runde gegen den Hamburger SV anknüpfen, mit dem sie bundesweit für Aufsehen gesorgt hatten. Auch jetzt sind ihnen wieder die Schlagzeilen gewiss – diesmal allerdings der negativen Art. „Ich mag an die Folgen noch gar nicht denken“, sagte Cast.

Nicht mehr als eine Randnotiz wird es sein, dass die Kickers auch gegen Berlin lange Zeit ein ebenbürtiger Gegner waren. Im Gegensatz zu den letzten Regionalligapartien sprühte der Außenseiter nur so vor Spielfreude, erspielte sich gute Chancen und geriet erst in der zweiten Halbzeit ins Hintertreffen, nachdem Moritz Steinle kurz vor der Pause nach einer Notbremse gegen Marko Pantelic mit Rot vom Platz geflogen war.

Nach einer Stunde gingen die Berliner mit 1:0 in Führung: Solomon Okoronkwo war zur Stelle, als der Kickers-Schlussmann David Yelldell einen Distanzschuss nur hatte abklatschen können. Als auch die Berliner dezimiert waren – Cairo saht die rote Karte – bäumten sich die Kickers noch einmal auf, das nächste Tor fiel aber wieder auf der anderen Seite: Recep Yildiz war im Strafraum der Ball an die Hand gesprungen, Yildiray Bastürk verwandelte den fälligen Elfmeter.

Dennoch sagte Hertha-Trainer Götz: „So einen Abgang haben die Kickers nicht verdient, weil sie über die 90 Minuten dagegen gehalten waren.“ Dass es am Ende nur 86 Minuten wurden, sei unter diesen Umständen nachgesehen.

Stuttgart: Yelldell – Steinle, Hartmann, Yildiz, Kanitz, – Parmak, Akcay, Kanyuk (55. Schlabach), Benda – Okpala, Mesic.

Berlin: Fiedler – Friedrich, Chahed, Simunic, Fathi – Dardai – Cairo, Bastürk, Boateng – Pantelic (81. Lakic), Okoronkwo.

Schiedsrichter: Weiner (Giesen).

Tore: 0:1 Okoronkwo (58.), 0:2 Bastürk (74./Handelfmeter).

Rote Karten: Steinle (Notbremse/44.); Cairo (Tätlichkeit/63.).

Besonderes Vorkommnis: Abbruch (86.).

Stuttgarter Zeitung

Stimmen zum Spielabbruch
„Das schlimmste Szenario“
 
Robin Dutt (Kickers-Trainer): „So wollten wir das Spiel nicht beenden. Wir sind faire Verlierer und hätten die Niederlage akzeptiert, auch wenn wir ein gleichwertiger Gegner waren, so lange wir vollzählig waren. Das macht alles kaputt, was wir in den letzten drei Jahren hier aufgebaut haben. Das ist ein unglaublicher Rückschlag für den Verein.“

Hans Kullen (Präsident): „Ich kann mich nur in aller Form bei den Unparteiischen entschuldigen. Wir werden mit aller Härte gegen den Täter vorgehen.“

Dieter Wahl (Präsidiumsmitglied): „So etwas passt nicht zu den Kickers. Wir haben das Spiel heute gleich zweimal verloren.“

Marco Wildersinn (Kickers-Spieler): „Das ist das schlimmste Szenario, das man sich als Spieler vorstellen kann. Da hat ein Zuschauer total die Nerven verloren.“

Christian Mauch (Aufsichtsratsvorsitzender und Mannschaftsarzt): „Der Linienrichter war nach der Attacke sicher drei bis vier Minuten lang benommen. Das war keine Simulation. Es kann gut sein, dass der ganze Pokal für die Katz war. Das kann uns im schlimmsten Fall die gesamten Zuschauereinnahmen kosten.“

Dieter Hoeneß (Hertha-Manager): „Ich selbst habe so etwas noch nie erlebt. Aber dem Verein Stuttgarter Kickers kann man keinen Vorwurf machen. Das ist die Tat eines Wahnsinnigen. Allerdings hat sich der Schiedsrichter das Leben zuvor manchmal auch selbst schwer gemacht – auf beiden Seiten. Die eine oder andere Entscheidung hätte man nicht pfeifen müssen.“

Falko Götz (Hertha-Trainer): „Das ist sehr bedauerlich, was hier passiert ist. Man muss bedenken, dass so ein Geschoss auch einen Spieler hätte treffen können.“ ump

Stuttgarter Zeitung

Spielabbruch bei den Kickers
Tiefpunkt statt Höhepunkt
 
Von Joachim Klumpp
 
Das Pokalspiel in Gazistadion sollte gestern Abend ein Höhepunkt in der Vereingsgeschichte der Kickers werden – und endete als Tiefpunkt: nach 86 Minuten mit einem Spielabbruch. Der Linienrichter war von einem Bierbecher getroffen worden und nicht mehr in der Lage, die Partie zu Ende zu führen. Eine Katastrophe: für den Fußball im Allgemeinen und für die Kickers im Besonderen. Nachdem in den vergangenen Wochen die deutschen Fans schon durch rassistische Parolen unangenehm aufgefallen waren, hat sich gestern Abend die hässliche Fratze am Schiedsrichtergespann entladen. Auch wenn solche Auswüchse Einzelner nie hundertprozentig in den Griff zu bekommen sind, werden sie die Diskussion um Sicherheitsmaßnahmen neu anheizen.

Für die Kickers wird es nicht bei Diskussionen bleiben, sondern auch Sanktionen geben. In Form einer Geldstrafe, im schlimmsten Fall vielleicht sogar einer Platzsperre. Womit der Gewinn aus dem Pokal mit einem Schlag dahin sein könnte. Zum finanziellen Schaden kommt noch der Imageverlust. Und der wiegt weitaus schwerer als diese Niederlage in der zweiten Pokalrunde.

Stuttgarter Kickers

Kickers: Spielabbruch nach Becherwurf
 
Schiedsrichter beendet DFB-Pokalspiel gegen Hertha BSC vorzeitig – Zweimal Rot in hektischer Partie
 
Stuttgart – Unrühmliches Ende für ein hoch dramatisches DFB-Pokalspiel: Die Zweitrundenpartie zwischen dem Regionalligisten Stuttgarter Kickers und Bundesligist Hertha BSC Berlin am Mittwoch im Gazistadion wurde nach 86 Minuten beim Stand von 2:0 für Hertha BSC Berlin abgebrochen.

VON JÜRGEN FREY

UND DIRK PREISS

Eigentlich schien alles entschieden. Im mit 10 500 Zuschauern ausverkauften Gazistadion waren noch vier Minuten zu spielen, Berlin führte mit 2:0 – und es war klar, dass dem Pokal-Triumph über den Hamburger SV kein weiterer folgen würde. Die Niederlage war bitter, doch dann kam alles noch viel schlimmer.

In der 86. Minute brach Schiedsrichterassistent Kai Voss an der Seitenlinie auf der Gegengeraden plötzlich zusammen. Die Ursache war schnell geklärt: Der Mann an der Linie war von einem gefüllten HartplastikBierbecher am Nacken getroffen worden. Der Kickers-Arzt und Aufsichtsrats-Vorsitzende Christian Mauch behandelte den Unparteiischen mehrere Minuten lang. „Er war benommen“, berichtete er. Und vor allem: Voss war nicht mehr in der Lage, das Spiel fortzusetzen – Schiedsrichter Michael Weiner brach die Partie daraufhin ab.

Die Kickers waren geschockt. „Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass bei uns so etwas möglich ist“, stammelte Präsident Hans Kullen, „ich kann mich bei den Schiedsrichtern nur entschuldigen.“ Das Spiel wird wohl mit 0:2 gegen die Kickers gewertet werden. Was aber noch viel schwerer wiegt: Die zu erwartende Strafe wird den Verein viel Geld kosten, die zusätzlichen Einnahmen aus dem DFB-Pokal fallen wesentlich geringer aus. Und auch das neu erworbene, gute Image der Blauen leidet unter diesem Vorfall enorm. „So ein tolles Pokal-Fest und dann macht uns ein Vollidiot alles kaputt“, schimpfte Manager Joachim Cast, „er muss richtig hart bestraft werden.“ Der Täter wurde noch im Stadion ermittelt und festgenommen. Es soll sich um einen Vorbestraften aus der Hooligan-Szene handeln, der den Kickers-Fans nicht zugeordnet wird.

Auch Kickers-Trainer Robin Dutt war sauer. Noch auf dem Spielfeld griff er zum Mikrofon und versuchte zu retten, was nicht mehr zu retten war: „Wir sind faire Verlierer“, brüllte er. Die Nachricht kam nicht bei allen an. Doch zumindest der Gegner zeigte Mitgefühl. „Den Club trifft keine Schuld, es ist ein Phänomen unserer Gesellschaft, dass einige Wahnsinnige alles zerstören“, sagte Hertha-Manager Dieter Hoeneß, „die Kickers haben diesen Abgang nicht verdient.“

Denn die Blauen hatten erneut an der Sensation geschnuppert. Doch nach der umstrittenen Roten Karte gegen Moritz Steinle (44./Notbremse) ging die Hertha in der 58. Minute durch Solomon Okoronkwo in Führung. Nach einem Rempler sah dann zwar auch der Berliner Ellery Cairo Rot, Yildiray Bastürk (74.) machte per Handelfmeter dennoch alles klar. Die Kickers fügten sich fortan in die Niederlage. „Wir hätten das so akzeptieren können“, sagte Dutt. Das Ende, wie es dann kam, dagegen nicht.

Stuttgarter Nachrichten

Der Skandal
 
VON JÜRGEN FREY
 
Bei den Kickers hatten sich vor dem Spiel gegen Hertha BSC nicht wenige zurückgelehnt, die Augen geschlossen und geträumt: vom Einzug ins Achtelfinale und vom damit verbundenen finanziellen Befreiungsschlag. Am Ende kam alles ganz anders: Abrupt ging ein Fußballfest zu Ende. Mit einem Skandal. Ein unverbesserlicher Zuschauer machte mit einem Wurf auf den Schiedsrichterassistenten alles zunichte. Ein Albtraum für die Blauen. Möglicherweise gibt es eine Platzsperre. Sicher: Die Geldstrafe wird hoch ausfallen und die Kickers hart treffen. Denn es war nicht das erste Mal, dass es im Gazistadion zu Vorkommnissen kam – wenn auch nicht in diesem Ausmaß und auch nicht von Kickers-Fans initiiert.

Das Schlimmste an der Tat eines einzelnen polizeibekannten Hooligans ist aber der Imageschaden für den gesamten Club. Die Kickers befanden sich in den vergangenen Wochen und Monaten auf dem besten Weg, sich mit ihrer jungen Mannschaft ein erfrischendes Bild in der Öffentlichkeit zu erwerben. Auch die Führungsriege machte sich zuletzt immer wieder stark für lobenswerte soziale Projekte. Dies tritt nun zumindest fürs Erste in den Hintergrund. Es ist ein schwacher Trost, dass dieser bedauerliche Vorfall in jedem anderen Stadion hätte passieren können.

Stuttgarter Nachrichten

Der Triumph
 
VON JÜRGEN FREY
 
Das Schöne am Fußball: Er steckt voller Überraschungen. Nach dem Triumph gegen den HSV haben die Stuttgarter Kickers nun auch Hertha BSC geschlagen und stehen im Achtelfinale des DFB-Pokals. Es waren zwei grandiose Feste auf der Waldau voller Emotionen, die zeigen: Die Mannschaft lebt, und die Kickers sind wieder wer im Fußball.

Die Blauen sind durch den Einzug unter die letzten 16 viele ihrer Geldsorgen los. Ein Livespiel im Dezember wäre sogar so etwas wie der finanzielle Befreiungsschlag.

Doch bei aller Euphorie, darf eines nicht vergessen werden: Drei Punkte gibt es für den Erfolg gegen Hertha nicht. Am Sonntag steht gegen den SV Wehen ein Schlüsselspiel in der Regionalliga auf dem Programm. Bei allem Selbstvertrauen, das aus dem neuerlichen Coup gezogen werden kann: In den wenigsten Fällen sind Pokal-Sensationen hilfreich für die Bewältigung des Ligaalltags. Die Kickers selbst haben das leidvoll erfahren. 2000 waren sie mit Glanz und Gloria ins DFB-Pokal-Halbfinale eingezogen. Am Saisonende standen sie in der zweiten Liga sportlich auf einem Abstiegsplatz. Es liegt nun an Mannschaft, Trainer und Verantwortlichen dafür zu sorgen, dass aus dem wertvollen Pokal-Triumph kein Pyrrhus-Sieg wird. Gelingt dies, stehen die Blauen vor rosigen Zeiten.

Stuttgarter Nachrichten

Attacke gegen Linienrichter führt zu Spielabbruch

Aus den Kickers-Rängen fliegt beim Stand von 0:2 gegen Hertha BSC ein Hartplastikbecher – Verdächtiger bereits festgenommen
 
Stuttgart – Eklat bei den Stuttgarter Kickers: Das Zweitrunden-Spiel im DFB-Pokal des Fußball-Regionalligisten gegen Hertha BSC musste gestern Abend vorzeitig abgebrochen werden. Schiedsrichter-Assistent Kai Voss war in der 82. Minute von einem Gegenstand am Kopf getroffen worden. Zu diesem Zeitpunkt lagen die „Blauen“ mit 0:2 zurück. Der Fall kommt nun vor den DFB-Kontrollausschuss. Die Polizei führte einen Verdächtigen bereits ab.
 
Von Sigor Paesler

Das Gazi-Stadion war rappelvoll und noch vor dem Anpfiff hatten die Kickers-Fans ihrer Vorfreude Ausdruck verliehen. Sie sangen den heiteren Slogan des WM-Spieles um Platz drei: „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“. Hinterher herrschte jedoch Begräbnisstimmung. Die Verantwortlichen waren konsterniert und auch ein Appell von Trainer Robin Dutt über Lautsprecher dürfte nicht mehr helfen. Der Unparteiische Michael Weiner hatte die Begegnung abgebrochen, nachdem ein voller Hartplastikbecher einen seiner Linienrichter getroffen hatte. „Es war eine klare Angelegenheit, weil das Wurfgeschoss von den Kickers-Rängen kam“, sagte Weiner. Allerdings soll es sich bei dem Verdächtigen nicht um einen Anhänger der Degerlocher handeln, sondern um einen vorbestraften Hooligan aus der Szene des VfB Stuttgart. Angeblich halfen Kickers-Fans den Mann zu identifizieren.

Das Spiel dürfte dennoch als verloren für die Stuttgarter gewertet werden – und dazu müsste es mindestens eine saftige Geldstrafe geben. Wenn es schlecht für die „Blauen“ läuft, sind ein guter Teil der Pokaleinnahmen dahin. Zumal es für die Kickers in der laufenden Saison bereits eine Geldstrafe wegen Zuschauerausschreitungen gab.

„Das ist aber auch ein nicht zu beziffernder Imageschaden für den Verein“, sagte Dutt, „manche Leute wissen einfach nicht, was sie tun.“ Präsident Hans Kullen hatte Tränen in den Augen. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass so etwas bei uns im Stadion passiert“, sagte der Clubchef. Hertha-Manager Dieter Hoeneß äußerte ebenfalls sein Bedauern über den unrühlichen Höhepunkt eines Pokalkampfes. Voss war benommen, benötigte nach wenigen Minuten aber keine ärztliche Behandlung mehr.

Die Partie war von einigen Emotionen begleitet gewesen. Bis zum Spielabbruch hatte Schiedsrichter Weiner zwei Rote Karten gezeigt. Eine für den Kickers-Verteidiger Moritz Steinle (44.) und eine für Ellery Cairo (62.). Doch angesichts des unschönen Vorfalls geriet der sportliche Verlauf in den Hintergrund. Dabei hatten die Gastgeber ihre Anhänger unter den 10 500 Besuchern mit Engagement und Zweikampfstärke erfreut – obwohl es einige Veränderungen in der Anfangself gab. Da Abwehrchef Jens Härter grippekrank ausfiel, zog das gleich eine Reihe von Wechseln nach sich. Manuel Hartmann rückte nach hinten. Im Mittelfeld sollten der in der Regionalliga gesperrte Mustafa Parmak und Laszlo Kanyuk für Kreativität sorgen. Sascha Benda probierte es von außen.

Die Hertha deutete ihre bessere Spielkultur an. Und je länger es ging, desto mehr schien das Konzept des Abwartens von Hertha-Trainer Falko Götz aufzugehen. Eine Abwehraktion von Steinle gegen Pantelic hatte dann Folgen: Weiner erkannte auf Foul und Notbremse. Steinle erhielt die Rote Karte – eine sehr umstrittene Entscheidung.

Effizient gingen die Gäste zu Werke. Solomon Okoronkwo traf zum 1:0 (58.). Aufregung kurz darauf: Cairo musste nach einer Tätlichkeit gegen Mesic mit Rot vom Platz. Ein Handelfmeter, den Yildiray Bastürk verwandelte (74.), ließ die Emotionen dann hochkochen. Die sportliche Entscheidung war eigentlich gefallen, ehe das Unheil aus den Zuschauerrängen seinen Lauf nahm.

Stuttgarter Kickers: Yelldell – Steinle, Hartmann, Yildiz, Kanitz – Akcay – Parmak, Kanyuk (55. Schlabach), Benda – Okpala, Mesic.

Hertha BSC Berlin: Fiedler – Chahed, Friedrich, Simunic, Fathi – Dardai – Cairo, Bastürk, Boateng – Pantelic (81. Lakic), Okoronkwo.

Schiedsrichter: Weiner (Giesen).

Zuschauer: 10 500 (ausverkauft).

Tore: 0:1 Okoronkwo (58.), 0:2 Bastürk (74./Handelfmeter).

Gelbe Karten: Kanyuk, Mesic, Akcay/Boateng, Bastürk, Friedrich.

Rote Karten: Steinle wegen Notbremse (44.)/Cairo wegen Tätlichkeit (62.).

Besonderes Vorkommnis: Spielabbruch wegen einer Attacke auf den Schiedsrichterassistenten (82.).

Beste Spieler: Mesic, Yildiz/Bastürk, Boateng.

Eßlinger Zeitung

Linienrichter am Kopf getroffen

Beim Stand von 2:0 für Hertha BSC wird das Spiel bei den Stuttgarter Kickers abgebrochen

Michael Kölmel

STUTTGART. Das Pokalspiel zwischen den Stuttgarter Kickers aus der Regionalliga Süd und dem Bundesligisten Hertha BSC wurde am Mittwochabend nach 86 Minuten abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt führten die Berliner durch Treffer von Solomon Okoronkwo (58.) und Yildiray Bastürk (74./Handelfmeter) mit 2:0.   

Dann wurde der Schiedsrichter-Assistent Kai Voss von einem Gegenstand am Kopf getroffen. Er sank zu Boden, war kurze Zeit ohnmächtig. Voss wurde einige Minuten behandelt und musste dann in die Kabine geführt werden. Äußere Zeichen einer schlimmeren Verletzung waren zunächst nicht zu erkennen. Referee Michael Weiner aus Gießen brach nach diesem schlimmen Zwischenfall die Partie ab. Weiner blieb nach dem Abbruch in seiner Kabine, ließ aber den wartenden Journalisten folgendes ausrichten: Er werde keine Stellung beziehen, aber eigentlich sei die Angelegenheit klar. Der Gegenstand – es soll ein Hartplastikbecher gewesen sein – sei aus dem Block der Stuttgarter Kickers gekommen. Eine Entscheidung über die Wertung des Pokalspiels müsse aber das Sportgericht treffen.

Kickers-Trainer Robin Dutt: „Das ist für uns eine totale Katastrophe und ein unglaublicher Rückschlag für den Verein.“ Dabei hatten sich die Kickers viel vorgenommen. Knapp zwei Jahrzehnte ist es her, dass die Blauen zuletzt in der ersten Bundesliga mitspielen durften. Inzwischen fristen die Kickers ein tristes Dasein in der Regionalliga und leben in der Vergangenheit. Vor dem Pokalspiel gegen Hertha BSC schwelgten die Stuttgarter Medien in Erinnerungen. Sie erzählten den Einzug ins Pokalfinale im Jahr 1987 und den überraschenden 4:3-Sieg nach Verlängerung über den Hamburger SV vor sechs Wochen nach.

Kickers-Trainer Robin Dutt hatte verkündetet, sein Team werde mutig nach vorne spielen und sich nicht vom Gegner einschüchtern lassen. Tatsächlich sah es in der Anfangsphase so aus, als hätten die beiden Mannschaften schon vorher die Trikots getauscht. Hertha agierte in dem mit 10 500 Zuschauern ausverkauften Stadion am Degerloch hektisch, die Kickers aggressiv, schnell und mit Übersicht. Allein Torhüter Christian Fiedler war es zu verdanken, dass Hertha nicht früh in Rückstand geriet. Nach neun Minuten entschärfte er einen Distanzschuss des Nigerianers Christian Okpala, der schon gegen den HSV zweimal getroffen hatte. Wenig später konnte Fiedler nur mit den Fäusten ein Tor durch Laszlo Kanyuk verhindern (19.).

Erst diese Schreckmomente weckten die schläfrigen Berliner. Bastürk und Boateng nutzten im Mittelfeld endlich ihre individuelle Klasse, Hertha kam zu ersten Gelegenheiten, die aber blieben sträflich ungenutzt. Bastürk und Solomon Okoronkwo, der für den verletzten Angreifer Christian Giménez (Adduktoren) spielte, verfehlten aus exzellenten Positionen das Tor. Erst später nutzte Okoronkwo einen Abpraller zum 0:1 und Bastürk verwandelte einen Handstrafstoß sicher. Zuvor waren schon Steinle (Stuttgart) und Cairo (Hertha) vom Platz gestellt worden. Zum Schluss wurde es hektisch, und trauriger Höhepunkt war der Wurf auf den Linienrichter. Später wurde der vermutliche Werfer verhaftet. Es soll sich um einen vorbestraften Hooligan aus dem Raum Neckarfilz handeln, hieß es aus Polizeikreisen.

Berliner Zeitung

Hamburg – Die Begegnung zwischen den Stuttgarter Kickers und Bundesligist Hertha BSC Berlin wurde in der 86. Minute beim Stande von 2:0 für den Favoriten von Schiedsrichter Michael Weiner abgebrochen. Dessen Assistent Kai Voss war von einem Gegenstand am Kopf getroffen worden und zu Boden gegangen. Nach kurzer Behandlung wurde Voss in die Kabine geführt. In der hektischen Begegnung sahen der Stuttgarter Moritz Steinle (44. Notbremse) und der Berliner Ellery Cairo (63. Tätlichkeit) zuvor die Rote Karte.

Berliner Zeitung


Spiegel

„Das ist für uns eine totale Katastrohe und ein unglaublicher Rückschlag für den Verein“, sagte Kickers-Trainer Robin Dutt. Auch Hertha-Coach Falko Götz war fassungslos. “ Das ist sehr bedauerlich, was hier passiert ist. Man muss bedenken, dass so ein Geschoss auch einen Spieler hätte treffen können.“

Mittlerweile scheint klar, dass das Geschoss aus dem Stuttgarter Block kam, der mutmaßliche Täter wurde als Kickers-Anhänger identifiziert und auch Schiedsrichter Weiner ließ über einen Sprecher ausrichten, dass das „eine klare Angelegenheit“ sei. Weitere Kommentare wollte der Fifa-Referee, der im Hauptberuf Polizist ist, nicht abgeben, da es sich um ein “ schwebendes Verfahren handelt“. Was Weiner in seinem Zusatzbericht vermerkte, war nach dem Abbruch deshalb nicht zu erfahren.

Am grünen Tisch wird das DFB-Sportgericht nun über mögliche Sanktionen beraten, Gastgeber Stuttgarter Kickers muss aber neben dem voraussehbaren Pokal-Aus auch mit einer empfindlichen Strafe rechnen, da die Hausherren für einen ausreichenden Ordnungsdienst sorgen müssen. Als „Vollidioten“ bezeichnete ein entsetzter Ex-DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder den Tatverdächtigen.

Spiegel

Hoeneß: Wahnsinnige machen alles kaputt

Nach dem Abbruch des Pokalspiels von Hertha BSC bei den Stuttgarter Kickers ist das Entsetzen groß. Ein Übeltäter wurde bereits festgenommen, drastische Strafen drohen.

Es war die 80. Minute im DFB-Pokalspiel zwischen dem Regionalligisten Stuttgarter Kickers und Hertha BSC, als ein Wurfgeschoss den Linienrichter Kai Voss traf, später als Hartplastikbecher identifiziert. Voss fiel benommen um, offenbar am Kopf getroffen.

«Eindeutige Angelegenheit»

2:0 führte der Bundesligist zu diesem Zeitpunkt, als sich Schiedsrichter Michael Weiner, im Hauptberuf Polizeibeamter, entschloss, die Partie abzubrechen. Während der benommene Assistent von einem Arzt mehrere Minuten lang behandelt werden musste, versuchte Kickers-Trainer Robin Dutt noch, mit einem Aufruf an die Fans die Situation zu beruhigen, doch Weiner blieb konsequent. «Es war eine eindeutige Angelegenheit, weil das Wurfgeschoss von der Kickers-Tribüne kam«, begründete Weiner seinen Entschluss, die Partie vorzeitig zu beenden. «Es fällt natürlich schwer nach solch einem Spiel über das Sportliche zu reden. Das ist sehr bedauerlich und es tut mir Leid für die Kickers. Hoffentlich erholt sich der Linienrichter schnell. Solch ein Ende hatte dieses Spiel nicht verdient», sagte Hertha-Coach Falko Götz nach dem Zweitrundenspiel, das seine Mannschaft wohl ins Achtelfinale brachte. Denn «höchstwahrscheinlich» werde das Spiel für die Hertha gewertet, wie der Spielausschuss-Vorsitzende des Württembergischen Fußballverbandes bereits kurz nach dem Spiel erklärte.
 

Kickers-Fan unter Verdacht

Der ehemalige DFB-Prädident Gerhard Mayer-Vorfelder, an diesem Abend einer der 10.500 Zuschauer im ausverkauften Waldau-Stadion, war ebenfalls schockiert über das Geschehene. Für ihn war klar, dass «es ein Verfahren gibt» und «eine Strafe. Das kommt auf den Schiedsrichter-Bericht an», sagte Mayer-Vorfelder. Das Wurfgeschoss, offenbar ein gefüllter Bierbecher, soll von einem Kickers-Fan stammen. Die Polizei nahm den 38 Jahre alten mutmaßlichen Täter noch am Abend fest. Dies bestätigte ein Sprecher am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Die Strafe dürfte deftig ausfallen für den Vierten der Regionalliga-Süd, denn die Kickers sind in dieser Saison schon einmal auffällig geworden und haben deshalb bereits eine Geldstrafe von 3000 Euro zahlen müssen. Das Punktspiel gegen den 1. FC Saarbrücken am 16. September hatte zwei Mal unterbrochen werden müssen, weil Fans des Gegners Feuerwerkskörper gezündet und andere Zuschauer bedroht hatten. Den Kickers war seinerzeit auch mangelnder Schutz des Schiedsrichtergespanns angelastet worden. Nach dem Vorfall vom Mittwochabend droht nun eine weitaus höhere Geldstrafe und sogar eine Platzsperre. «Der Fall wird dem Kontrollausschuss unterbreitet», kündigte ein DFB-Sprecher an.

 

Beteiligte betroffen

Die Kickers-Verantwortlichen reagierten betroffen auf den Spielabbruch, der in die Annalen des DFB-Pokals eingehen wird. «Es tut uns außerordentlich Leid. Das ist ein ganz schlimmer Vorfall und ein schwarzer Tag für die Stuttgarter Kickers. Wir werden mit unseren Fans hart ins Gericht gehen», kündigte Kickers-Präsident Hans Kullen an. Betrübt reagierte auch Kickers-Trainer Robin Dutt: «Unsere sportliche Leistung gerät durch solche Vorkommnisse völlig in den Hintergrund. Das ist ein großer Imageschaden für den Verein und ich entschuldige mich in aller Form dafür. Das ist eine Katastrophe.» In den Hintergrund geriet der Ausgang des Spiels. Bis zum Abbruch hatten Solomon Okoronkwo (58. Minute) und Yildiray Bastürk per Handelfmeter (74.) für die 2:0-Führung von Hertha BSC gesorgt. In einem Spiel, das für Hertha-Coach Götz «ein toller Pokalfight» gewesen war. «Beide Mannschaften haben sehr gut gespielt. Es war das erwartet schwere Spiel. Nach anfänglichen Problemen bekamen wir das Spiel in den Griff und haben uns gute Chancen erspielt», fügte Götz hinzu. Während bei den Kickers Kapitän Moritz Steinle wegen einer Notbremse an Marko Pantelic Rot sah (44.), musste Hertha-Profi Ellery Cairo wegen einer Tätlichkeit vom Platz (63.).  

 

Erster Pokalsieg für Hertha weiter möglich

Für Götz ist das Achtelfinale jedenfalls erreicht. «Wir sind verdient eine Runde weiter und natürlich sehr zufrieden», sagte er. Hertha-Manager Dieter Hoeneß gab sich in Anbetracht des wahrscheinlichen Weiterkommens versöhnlich: «Die Kickers haben keinerlei Schuld an diesem Vorfall, es ist ein Zeichen unserer Gesellschaft, dass ein paar Wahnsinnige alles kaputt machen. Wir sind hier sehr gut aufgenommen worden und wünschen den Kickers alles Gute.» (nz)

Netzeitung

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