StN: „Es wird keine Hopp-oder-top-Saison“

Jürgen Frey und Gunter Barner, vom 06.07.2011 09:38 Uhr

Stuttgart – Das Ziel ist klar, der Optimismus groß: Die Stuttgarter Kickers wollen in der am 4./5./6. August beginnenden Saison die Meisterschaft in der Fußball-Regionalliga holen. „Vielleicht hätten wir das Ziel Aufstieg schon vor der vergangenen Saison offensiver ausgeben sollen“, sagt Präsident Rainer Lorz.

Herr Lorz, Herr Schlauch, wie sehr schlägt Ihr Herz in diesen Tagen für den Frauenfußball?

Schlauch: Bei einer Männer-WM richte ich meinen Tagesablauf nach den Spielen aus. Das mache ich zugegebenermaßen bei der laufenden WM nicht. Die Leistungen halte ich zum Teil für beachtlich, doch die Inszenierung als Event ist mir zu sehr der Männer-WM angeglichen.

Lorz: Das sehe ich ähnlich. Wenn es die Zeit erlaubt, schaue ich mir schon das eine oder andere Spiel an. Und wenn die WM dazu dient, dass der Frauenfußball bei uns populärer wird, ist es umso besser.

Wie intensiv haben sich die Kickers denn schon mit dem Thema Frauenfußball beschäftigt?

Lorz: Wir stehen der Sache aufgeschlossen gegenüber und haben vor eineinhalb Jahren über dieses Thema intern diskutiert. Unter anderem war es eine Idee, eventuell mit den in Stuttgart-Möhringen stationierten Amerikanern zu kooperieren.

Wollten sich nicht auch die Sindelfinger Fußballerinnen nach der Absage vom VfB den Blauen anschließen?

Schlauch: Unterm Strich scheitert das Thema Frauenfußball und Kickers bisher an der Logistik. Wir haben in Degerloch einfach nicht ausreichend Platz für weitere Mannschaften.

Lorz: Und natürlich ist es auch eine Frage der Prioritäten.

Die Priorität eins heißt Aufstieg in die dritte Liga. Zum Trainingsstart konnte aber nur ein Neuzugang begrüßt werden. War das nicht etwas enttäuschend?

Lorz: Nein, man darf nicht vergessen, dass wir alle unsere Führungsspieler halten konnten, und in Marco Grüttner vom Drittligisten VfR Aalen war ein klasse Mann mit ausgeprägtem Torriecher bereits beim ersten Training präsent. Inzwischen kam mit Defensivallrounder Julian Leist vom FC Bayern München II ein drittligaerfahrener Mann mit Kickers-Wurzeln dazu. Und Linksverteidiger Yannis Becker vom SV Werder Bremen II hat inzwischen auch einen Vertrag unterschrieben.

Schlauch: Schnellschüsse haben noch selten etwas gebracht, zumal wir uns keinen Flop leisten können.

Sind noch weitere Verstärkungen geplant?

Lorz: Wir hoffen, dass die Verpflichtung von Omar Jatta klappt (Anm. d. Red.: Verbandsliga-Torschützenkönig vom FV Ravensburg mit 32 Treffern). Es stehen noch Gespräche mit dem Spieler und diversen Behörden an.

Was macht Sie optimistisch, dass die Elf den imponierenden Lauf der Rückrunde fortsetzt?

Lorz: Klar ist, dass wir wieder bei null anfangen und es keine Garantie gibt, dass es so weiterläuft. Aber die Art und Weise, wie die Mannschaft im vergangenen halben Jahr aufgetreten ist, macht schon große Hoffnung. Die Mannschaft war schon vergangenes Jahr stark genug, um ganz vorne mitzuspielen. Vielleicht hätten wir das Ziel Aufstieg offensiver ausgeben sollen.

Jetzt gibt es ohnehin keine Ausflüchte mehr. Der Drei-Jahres-Plan sieht kommende Saison den Sprung in die dritte Liga vor.

Lorz: Klar ist unser Ziel die Meisterschaft. Aber eines möchte ich auch betonen: Es wird keine Hopp-oder-top-Saison. Die Blauen soll und wird es auch im Falle eines Nichtaufstiegs weiter geben.

Schlauch: Die kommende Saison ist nicht unsere letzte Patrone. Wir wirtschaften seriös – und da wäre es nicht angebracht, alles zu riskieren.

Konnten die Einnahmen erhöht werden?

Schlauch: Bei den Sponsoreneinnahme konnten wir gegenüber dem Vorjahr um über 20 Prozent zulegen, und die Tendenz ist sogar steigend. Eine Erhöhung um 30 bis 40 Prozent ist nicht unrealistisch.

In der abgelaufenen Saison lag der Zuschauerschnitt knapp über 2500. Mit welchem Schnitt kalkulieren Sie in der neuen Runde?

Schlauch: Wir gehen konservativ an die Sache ran und kalkulieren mit 2500 bis 3000 Zuschauern pro Spiel.

Wie hoch ist der Etat?

Schlauch: Unser Gesamtetat beläuft sich auf 1,9 Millionen Euro, wobei davon rund 1,1 Millionen Euro für die Regionalligamannschaft inklusive Funktionsteam veranschlagt sind.

Die Investorengelder sind aufgebraucht?

Lorz: Ja, aber man darf nicht vergessen, dass diese Gelder es uns unter anderem ermöglicht haben, auslaufende Verträge zu verlängern. In einer sehr schwierigen Phase für den Verein haben uns diese Gelder maßgeblich weitergeholfen.

Wie sehr ist der Aufschwung mit der Person Guido Buchwald verbunden?

Lorz: Er macht erstklassige Arbeit und hat mit seinen klaren Ansagen an die Mannschaft sehr viel bewegt. Er hat den Spielern in der Winterpause klargemacht, dass sie mehr können, als sie bis zu diesem Zeitpunkt gezeigt hatten, und sie sich vor keinem Gegner zu verstecken brauchen.

Haben Sie einen Plan B, falls Buchwald ein Angebot als Trainer bekommt und abspringt?

Lorz: Das ist derzeit kein Thema. Er hat uns versichert, weiter für die Kickers tätig zu sein.

Koordinator Michael Zeyer hörte auf, Klaus Gickeleiter und Andreas Schanz aus dem Nachwuchsbereich ebenso. Woran liegt die fehlende Kontinuität?

Lorz: Bei Michael Zeyer lagen die Gründe hauptsächlich in seinen eigenen Projekten. Dass das Ehepaar Gickeleiter und Andreas Schanz aufhören bedaure ich, zumal die Jugend vergangene Saison – trotz des ärgerlichen Nichtaufstiegs der B-Junioren – schöne Erfolge aufzuweisen hatte. Woran’s liegt? Leider entzünden sich bei den Kickers immer wieder Dinge, die ihren Ursprung auch im persönlichen Bereich haben.

Wird U-23-Abteilungsleiter Bernd Mühlbauer die Aufgaben in der Jugend mitübernehmen?

Schlauch: Wir halten ihn für einen richtig guten Mann, doch eine Entscheidung über die weitere Aufgabenverteilung ist noch nicht gefallen.

Auch mit dem renommierten Fußball-Lehrer Martin Hägele gab es Gespräche über ein Engagement im Nachwuchsbereich.

Schlauch: Das zeigt, wie elementar wichtig uns der Nachwuchs ist. Doch kurzfristig ist es schwierig, solch eine große Lösung zu realisieren.

Welche Clubs sind für Sie die Hauptkonkurrenten der Kickers in der nächsten Saison?

Lorz: Ich rechne vor allem mit Hessen Kassel und sicherlich der ein oder anderen zweiten Mannschaft, insbesondere dem FC Bayern München II.

Schlauch: Auch Wormatia Worms und der SV Waldhof Mannheim haben sich gut verstärkt. Aber wir brauchen uns bestimmt vor keiner Mannschaft zu verstecken.

Stuttgarter Nachrichten

Yannis Becker zu den Stuttgarter Kickers

Stuttgart: Kickers verpflichten Defensivallrounder

Die Stuttgarter Kickers haben Yannis Becker für die kommende Saison verpflichtet. Der 20-Jährige wechselt von der zweiten Mannschaft des SV Werder Bremen zum Regionalligisten. In der vergangenen Spielzeit stand der Defensivallrounder in 16 Partien für die Bremer in der Dritten Liga auf dem Platz und erzielte ein Tor.

Becker ist nach Marco Grüttner, der vom VfR Aalen kam und Julian Leist, der von Bayern München II nach Schwaben wechselte, der dritte Neuzugang der Kickers in diesem Sommer. Er erhält in Stuttgart einen Zweijahresvertrag.

Kicker-Sportmagazin

Stuttgart: Buchwald zieht nach intensiven sechs Monaten Bilanz

„Wir wissen was wir können“

Weltmeister Guido Buchwald (50) sucht als Präsidiumsmitglied Sport bei den Stuttgarter Kickers momentan Neuzugänge für die Mission Aufstieg. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Defensive. Außerdem will er noch einen Linksfuß unter Vertrag nehmen.

kicker: Wie viel Freizeit haben Sie im Moment?

Guido Buchwald: Eigentlich gar keine. Die Arbeit für die Kickers ist sehr zeitintensiv. Da muss man die eigenen Interessen schon mal hintenanstellen.

kicker: Was macht die Suche nach neuen Spielern so schwierig?

Buchwald: Wir sind nicht in der Lage, zehn Spieler zu verpflichten und zu sagen, drei davon sollten einschlagen. Wir müssen uns intensiv mit einem Spieler beschäftigen.

kicker: Wo muss die Mannschaft noch verstärkt werden?

Buchwald: Wir wollen im defensiven Bereich noch eine Ergänzung. Und wir suchen noch einen Linksfuß.

kicker: Wie sehr setzen Sie auf eigene Talente?

Buchwald: Das ist das Ziel unserer Ausbildung. Man kennt die Spieler und kann sie charakterlich sehr gut einschätzen. Wir wollen nur gezielt externe Verstärkungen holen, wenn die Lücke aus der eigenen Jugend nicht zu schließen ist.

kicker: Was hat Sie bei Neuzugang Marco Grüttner überzeugt?

Buchwald: Er ist sehr leistungsorientiert, will mit uns etwas erreichen. Ich bin der Überzeugung, dass er bei uns eine zentrale Rolle spielen wird.

kicker: Das Saisonziel ist laut Drei-Jahres-Plan jetzt der Aufstieg.

Buchwald: Wir müssen alles dafür tun. Ich bin mit dem Präsidium hier angetreten, um dieses Ziel zu verwirklichen. Man spürt mit welcher Begeisterung alle dabei sind. Ich glaube, dass alle wissen was sie können und wie gut sie in der Rückrunde gespielt haben.

kicker: Was ist der Vorteil der Kickers?

Buchwald: Wir haben keine Leistungsträger abgegeben. Das kann am Anfang ein riesiger Vorteil sein. Das, was wir im vergangenen Jahr zu Beginn haben liegen lassen, darf uns dieses Mal nicht passieren. Das Team ist eingespielt und die Automatismen funktionieren.

kicker: Sie sind jetzt ein halbes Jahr hier. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Buchwald: Sehr intensiv. Ich bin begeistert, wie viel ehrenamtliches Engagement vorhanden ist. Aber wenn alle noch mehr an einem Strang ziehen, kann viel mehr erreicht werden.

Mathias Schmid

Kicker-Sportmagazin